An die bayerische Regierung – wir sind nicht das schwarze Schaf

Sehr geehrte Abgeordnete der Landesregierung in Bayern,

ich musste jetzt einige Wochen über die Antworten von Abgeordneten der CSU schlafen, bevor ich diese Zeilen verfasse. Ich entschuldige mich bereits jetzt dafür, falls man herauslesen kann, dass ich über diese Antworten keineswegs erfreut war.

Zuerst sei gesagt, dass es lobenswert ist, dass bereits Maßnahmen zur Verbesserung der Kindertagespflege getroffen wurden, wie in jeder Antwort erwähnt wurde.

Mittlerweile arbeiten die Kindertagespflegepersonen zwar immer noch für weniger als den Mindestlohn, können aber wenigstens in die Rentenversicherung einzahlen, auch wenn es längst nicht genug sein wird, um im Alter davon leben zu können. Für den Moment ist es aber möglich sich über Wasser zu halten. Für mehr reicht es leider immer noch nicht.

Das ist das, was uns Kindertagespflegepersonen so wütend macht. Wir arbeiten viel und oftmals lange, sind gut qualifiziert, wir bieten den Eltern einen guten Betreuungsplatz, wir betreuen individuell und flexibel, wir arbeiten nach dem bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan – genau wie die Kitas und was bekommen wir dafür? Weniger als den Mindestlohn, der leider nur für Angestellte gilt. Wissen Sie eigentlich, dass die Kindertagespflege qualitativ durchaus vergleichbar ist mit der Qualität in Kitas?

Ja, die Rahmenbedingungen haben sich seit 2008 verbessert, aber es wäre so einfach für Sie als Regierung die Bedingungen wirklich gerecht zu gestalten.

Wenn Sie z. B. die staatliche Förderung für die Kindertagespflege an die Förderung der Kitas anpassen würden, hätten die Kommunen mehr Geld zur Verfügung um uns Kindertagespflegepersonen leistungsgerecht und ausreichend zu bezahlen.

Hierfür ist es u. a. nötig den Basiswert und den Gewichtungsfaktor dem der Kitas gleichsetzen. Dann würden die gleichen Gelder für eine qualitativ gleichwertige Betreuung für ein Kind im gleichen Alter und gleichem Förderbedarf fließen. Klingt gerecht – wäre es auch.

Wenn wir, wie die Kitas, die Möglichkeit hätten, Fördermittel zu beantragen, müssten wir Anschaffungen und Renovierungen nicht von dem wenigen Geld bezahlen, das wir bekommen. Bisher ist das aber nur für Großtagespflegestellen möglich.

Natürlich müssen die Elternbeiträge denen der Kita angeglichen sein.Es ist nur gerecht, dass die Eltern für den Platz in der Kindertagespflege nicht mehr zahlen müssen, als für einen Platz in der Kita. Warum sollte das anders sein? Der Platz in der Kindertagespflege kostet der Kommune auch nicht mehr als ein Platz in der Kita.

Die laufende Geldleistung, die die Kindertagespflegepersonen bekommen, wird selbstverständlich vom örtlichen Ju­gendhilfeträger festgelegt. Aber diese halten sich an die Empfehlungen des bayerischen Land- und Städtetag. Ein Hin- und Herschieben der Verantwortung für diese so geringe Geldleistung und Empfehlung ist völlig überflüssig. Sie als Regierung sind dafür verantwortlich, dass die Fördergelder fair verteilt werden und Sie sollten eine Empfehlung aussprechen, die es den Kindertagespflegepersonen ermöglicht als Selbstständige zu arbeiten, zu wirtschaften und davon leben zu können. Inklusive Krankheit, Urlaub, Mutterschaft und im Alter! Als Angestellte in die Kitas zu wechseln, wäre genau der falsche Weg und ist von der Mehrheit der Kindertagespflegepersonen nicht gewollt.

Diese Idee ist sowieso nicht die Beste. Studien zeigen bereits, dass der Betreuungsschlüssel in der Kindertagespflege besser ist als in der Kita, dass die kleinen Gruppen für die Kinder gut sind und vor allem die feste Bezugsperson. Warum sollte man das gute System ändern und in ein weniger gutes umwandeln?! Die Betreuungsform der Kindertagespflege ist im Großen und Ganzen für die Kinder und Eltern gut, so wie sie ist (abgesehen von der Krankheitsvertretung, die vielerorts noch fehlt).

Desweiteren ist es völlig irrsinnig einen „Lohnabstand“ zum Erzieher zu berücksichtigen. Erzieher sind nicht selbstständig, sie müssen keine Rücklagen bilden für Krankheit, Urlaub, Ausfall etc. Wir Kindertagespflegepersonen sind selbstständig.

Sehr gerne würden wir Kindertagespflegepersonen in Bayern einen höheren Qualifizierungskurs belegen, wie es in den meisten anderen Bundesländern bereits üblich ist. In Bayern wird das aber gar nicht angeboten.

Es ist nahezu lächerlich, dass ein Lohnabstand gewahrt werden soll zu einer Berufsgruppe, die ohnehin schon zu wenig für ihre wertvolle Arbeit bekommt.

Ein Großteil von uns will nicht in den Kitas arbeiten. Wir arbeiten als Kindertagespflegeperson, weil diese individuelle, familiennahe Betreuung in der kleinen Gruppe super für die Kinder und ihre Eltern ist, nicht, weil wir keine andere Arbeit finden. Wir haben diese Tätigkeit bewusst gewählt – trotz der schlechten Rahmenbedingungen. Diese kann man ändern, wenn die Regierung will.

In der Verwaltungsinfo zu den Empfehlungen für die Kindertagespflege wird deutlich, wie wenig Sie sich mit dem Thema Kindertagespflege beschäftigt haben.

Zur Neufestsetzung wurde als grober Orientierungswert eine Vergleichsberechnung mit der ver­gleichbaren Tätigkeit einer Kinderpflegerin in einer Kinderkrippe angestellt.

Nachdem eine Tagespflegeperson nur bis zu maximal fünf Kinder gleichzeitig betreuen

darf, während eine Kinderpflegerin in einer Krippe anteilig sechs Kinder betreut, wurden lediglich 5/6 in Ansatz gebracht. In Anlehnung an den so errechneten Orientierungswert wurden als Aner­kennungsbetrag für U3 Kinder 350 Euro in Ansatz gebracht.

Klarzustellen ist, dass die Empfehlungen von selbständigen Tagespflegepersonen ausgehen und mangels Beschäftigungsverhältnis ein direkter Rückgriff auf tarifliche Entgelte nicht angezeigt ist.

Die Differenzierung nach U3, Ü3 und Inklusionskindern wurde belassen, um eine einmalig deutli­che Angleichung nach oben zu vermeiden.“

Diese Aussage zeigt, dass die Empfehlungen schlecht durchdacht sind. In Bayern wurden bereits 2017 3,7 Kinder von einer Fachkraft betreut – nicht 6.

(https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Soziales/KinderJugendhilfe/KindertageseinrichtungenPersonalschluessel5225409179004.pdf?__blob=publicationFile)

Eine Kindertagespflegeperson darf maximal 5 Kinder betreuen, in Wirklichkeit liegt auch dieser Betreuungsschlüssel bei ungefähr 1:3,7.

Im Falle eines nicht besetzten Plat­zes bekommt die Kindertagespflegeperson allerdings weniger Geld, die Kinderpflegerin in der Kita dagegen ihr volles Gehalt.

In Anbetracht der Tatsache, dass eine Kindertagespflegeperson somit mehr Kinder betreut und auch noch selbstständig ist, müsste der Betrag deutlich nach oben korrigiert werden.

Beim letzten Satz bin ich mir nicht sicher, ob er das bedeutet, was ich verstehe. Die aktuelle Empfehlung wurde belassen, weil sonst mehr bezahlt werden müsste? Es wäre fair die Beträge noch oben zu korrigieren, aber man macht es nicht, weil es sonst Geld kosten würde? Ich bitte um Erklärung.

Einen Punkt muss ich noch ansprechen. Die Buchungszeitenbegrenzung, die nur die Kindertagespflege betrifft. In den Kitas ist es ohne Nachweis möglich, ein Kind, für die von den Eltern gewünschte Stundenzahl anzumelden. Die Stunden werden gefördert. In der Kindertagespflege wird die Buchungszeit meist auf 25 Stunden in der Woche begrenzt, wenn die Eltern keinen höheren Bedarf nachweisen können. Für eine selbstständige Kindertagespflegeperson ist das ein sehr hohes Risiko. Ein Beispiel: Eine Familie bekommt ein 2. Kind. Die Mutter ist nun im Mutterschutz. Die geförderte Buchungszeit reduziert sich von 40 auf 25 Stunden. Die Kindertagespflegeperson hat somit einen großen Verdienstausfall (soweit die Eltern die restlichen Stunden nicht privat zahlen). Dem Eltern den Platz kündigen wäre zwar wirtschaftlich, aber nicht sozial.

Falls Sie sich jetzt fragen, warum die Kindertagespflegepersonen keinen Aufstand machen, wenn alles so ungerecht ist. Das kann ich Ihnen sagen. Wir sind völlig abhängig vom Wohlwollen der örtlichen Jugendhilfeträger und von der Regierung. Stellen wir unangenehme Fragen oder Forderungen, kann uns einfach die Pflegeerlaubnis entzogen werden oder es können Schwierigkeiten auftreten, die vorher nicht da waren. Ich habe mich schon einige male an das bayerische Landesjugendamt wenden müssen, weil ich am eigenen Leib erfahren musste, was mit Kindertagespflegepersonen passieren kann, die bessere Bedingungen fordern.

 

Zum Schluss noch ein Zitat von Judith Gerlach, Mitglied des Bayerischen Landtags:

Insgesamt ist festzuhalten, dass sich das Betätigungsfeld in der Kindertagespflege in den letzten Jahren erheblich gewandelt hat – von der größtenteils nebenberuflich für einen begrenzten Zeitraum ausgeübten Tätigkeit, hin zu einer immer professioneller werdenden Kinderbetreuung, welche auf die Erzielung eines auskömmlichen Einkommens Wert legt und langfristig ausgeübt wird. Der in § 23 Abs. 1 Nr. 2 SGB VIII verwen­dete Begriff „Anerkennungsbetrag“ erscheint daher nicht mehr zeitgemäß und sollte vom Bundesgesetzgeber geändert werden. Tatsächlich wurde der Begriff „Beitrag zur Anerkennung ihrer Förderleistung“ in gerichtlichen Entscheidungen zur Prüfung der Höhe der laufenden Geldleistung schon des Öfteren zu Lasten der Tagespersonen ausgelegt, mit der Begründung, dass der Bundesgesetzgeber hier „absichtlich“ nur von einem Anerkennungsbetrag und eben gerade nicht von einer existenzsichernden Vergütung sprechen würde.  

Der bayerische Gesetzgeber hat, um eine leistungsgerechte Förderung zu stärken, den sogenannten differenzierten Qualifizierungszuschlag für Tagespflegepersonen eingeführt. Mit dieser Möglichkeit kann die Bezahlung der Tagespflegepersonen differenziert und dadurch der breiten Palette von der beruflichen Tages­pflege bis zur eher ehrenamtlichen Tagespflege Rechnung getragen werden. Dieses Instrument wird aber wohl oft noch nicht vollumfänglich genutzt..“

Mit freundlichen Grüßen

Jennifer Hartmann

 

(Der Brief wird so oder ähnlich in den nächsten Tagen auch per Post und Email an die Verantwortlichen verschickt)