Sehr geehrte Frau Dr. Giffey, vielen Dank für Ihr Engagement. (Begleitschreiben)

Sehr geehrte Frau Dr. Giffey,

vielen Dank für Ihr Engagement.

Wir 44.000 Kindertagespflegepersonen freuen uns sehr,

dass Sie unsere Rahmenbedingungen verbessern wollen.

Das ist dringend nötig!

Wie sehr wir uns diese Verbesserungen wünschen, zeigen wir Ihnen mit diesem großen Puzzle. Kindertagespflegepersonen aus allen 16 Bundesländern haben sich an der Aktion beteiligt. Wir sind ein Teil der Betreuungslandschaft, wir sind viele und jede Kindertagespflegeperson ist unterschiedlich. Wir sind individuell und bieten jedem Kind einen Platz. Wir passen immer – für jeden gibt es das passende Puzzleteil.

Sie sehen auch viele Lücken – so sieht es aus, wenn die einzelnen Bundesländer sich nicht absprechen, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht. Es passt nicht zusammen und es entstehen Lücken. Wie in der Kindertagespflege. Es gibt Lücken und Differenzen, was z. B. die Bezahlung betrifft, diese schwankt zwischen ca. 2,20 Euro in Mecklenburg-Vorpommern und über 7 Euro in Baden-Württemberg. Es gibt Lücken in Einhaltung des SGB VIII § 23 – in vielen Kommunen wird den Eltern für Ausfallzeiten der Kindertagespflegepersonen keine Vertretung gestellt oder die erkrankte Kindertagespflegeperson muss die Kosten für eine Vertretung selber tragen. Lücken gibt es in der Altersvorsorge, die schlichtweg nicht ausreichend möglich ist, oder in der Absicherung im Krankheitsfall – wir können uns nicht absichern und sind nur nebenberuflich bei den Krankenkassen eingestuft, weil wir nicht genug verdienen um die hauptberufliche Versicherung zahlen zu können. Lücken und Differenzen gibt es in der Ausbildung. Die Qualifikationskurse schwanken zwischen 100 Stunden und über 500 Stunden. Das alles sind große Probleme und Sie haben die Möglichkeit diese Lücken zu füllen und die Differenzen zu begleichen.

In ganz Deutschland wurden viele Urteile gefällt, weil viele Kindertagespflegepersonen sehr unglücklich mit der derzeitigen Situation sind. Oft wurde geurteilt, dass die laufende Geldleistung nicht auskömmlich sein muss – das sieht das SGB VIII nicht vor. So zuletzt in Leipzig vor dem Bundesverwaltungsgericht.

Wir leben im Jahr 2018, 95 % von uns sind Frauen, wir retten viele Kommunen vor einer Klagewelle, wir arbeiten Vollzeit – teilweise sogar 24 Stunden am Tag, wir arbeiten nach dem örtlichen Bildungs- und Erziehungsplan, wir betreuen bis zu 5 Babys, Kleinkinder, Kindergarten- oder Schulkinder gleichzeitig – das hat eine auskömmliche Bezahlung verdient! Wir wollen nicht in die Altersarmut rutschen – aber das wird ein Großteil von uns, wenn wir in Zukunft nicht besser bezahlt werden.

Die Länderregierungen haben sich im Punkt Kindertagespflege auf das Konnexitätsprinzip geeinigt. Das heißt, dass die Kommunen in der Verantwortung stehen, die Rahmenbedingungen für die jeweilige Kommune zu gestalten. Daher existieren in jeder einzelnen Kommune andere Rahmenbedingungen. Um einen einheitlichen Rahmen für die Kindertagespflege zu schaffen, ist es sehr wichtig, dass dieses Konnexitätsprinzip in einigen Teilbereichen abgeschafft wird. Ein wichtiges Beispiel ist die Ausbildung, die im ganzen Land den gleichen Anforderungen standhalten sollte und grundlegende Arbeitsbedingungen.

„Warum die gesetzliche Rentenversicherung nicht ausreicht

Von Inge Losch-Engler, stellv. Bundesvorstand:

In dem Artikel von Marion von zur Gathen und Dr. Rudolf Martens wird deutlich dargestellt, dass die momentane Praxis der Altersvorsorge für Tagespflegepersonen („Fachkräfte in der Kindertagespflege“) nicht ausreichend ist.

Es kann nicht sein, dass eine Tagespflegeperson im Schnitt 393 Euro bzw. 236 Euro pro Monat Rente erwirtschaftet, wenn sie regelmäßig ihren Beitrag in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt. Bei einem Durchschnittseinkommen von 4,50 Euro pro Stunde/Kind und bei einer Arbeitszeit von 160 Stunden, sowie der Betreuung von drei Kindern ist eine ausreichende Altersvorsorge über die Deutsche Rentenversicherung nicht gegeben.

Nur wenn die „Fachkräfte in der Kindertagespflege“ (Tagespflegepersonen) ein existenzsicherndes Einkommen erhalten, kann eine ausreichende Altersvorsorge erzielt werden. Es kann nicht angehen, dass Frauen, die einer beruflichen Tätigkeit in der Kindertagespflege nachgehen, im Rentenalter auf eine Grundsicherung angewiesen sind. Dennoch gibt es meines Erachtens Möglichkeiten, der Frauen-Altersarmut zu begegnen.

  1. Die Tagespflegepersonen bekommen die Möglichkeit zu wählen, ob sie in die gesetzliche oder private Altersvorsorge einzahlen.

  1. Der öffentliche Jugendhilfeträger erkennt die privaten Zahlungen in eine Altersvorsorge mit einem Nachweis (dies erfolgt auch bei der Erstattung der Krankenversicherungsbeiträge).

  1. Die Geldleistung muss bundesweit angeglichen werden und eine zusätzliche private Altersvorsorge ermöglichen. Dieses kann der Altersarmut, insbesondere der Frauen-Altersarmut, entgegen wirken. (Quelle: http://www.kitab-hannover.de/fileadmin/Downloads/info_Kindertagespflege_Oktober_2015.pdf)“

Uns ist bewusst, dass der Bund regelmäßig Programme anbietet, um die Qualität und auch die Rahmenbedingungen vor Ort zu verbessern. Leider kommen diese Fördergelder selten bei den Kindertagespflegepersonen an! Viele von uns haben gar keine Möglichkeit Fördergelder zu beantragen. Die Jugendhilfeträger unterstützen das oftmals nicht, informieren die Kindertagespflegepersonen nicht oder sind selbst nicht darüber informiert. Teilweise schließt auch das Bundesland in den Landesregelungen die Förderung der Kindertagespflege aus und leitet einige Fördergelder nur an Kindertagesstätten oder Großtagespflegestellen weiter (Bayern).

Wir brauchen also ein verpflichtendes Gesetz für alle!

Ein Gesetz, bei dem sich die Länder nicht aus der Verantwortung ziehen können. Ein großer und wichtiger Schritt ist, das Wort „Anerkennung“ im SGB VIII durch „Bezahlung“ zu ersetzen. Dass wir eine richtige und angemessene Bezahlung verdient haben, zeigen diverse Studien und der 5. Evaluationsbericht des Kifög. Die Qualität der Betreuung in der Kindertagespflege kann durchaus mit der in Kindertagesstätten verglichen werden und die Elternzufriedenheit ist in der Kindertagespflege sogar höher.

1. Die Eltern sind sehr zufrieden mit der Kindertagespflege

  • Eltern waren in der Regel zufrieden mit der Betreuungssituation. Dabei schnitt die Betreuung in der Kindertagespflege etwas besser ab als die Betreuung in Kindertageseinrichtungen.“(5. Evaluationsbericht des Kifög )

  • Ein bedarfsgerechtes Betreuungsangebot sollte nicht nur dem quantitativen Bedarf der Eltern mit Kindern unter drei Jahren entsprechen, es sollte auch ihren Ansprüchen an die Qualität genügen. Die Ergebnisse der Elternbefragung des DJI zeigen, dass Eltern mit den meisten Aspekten der Betreuung in Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege persönlich zufrieden sind. Dabei schneidet die Kindertagespflege etwas besser ab als Kindertageseinrichtungen.“ (5.Evaluationsbericht des Kifög )

  • Insbesondere mit der Anzahl der Betreuungspersonen (Kindertageseinrichtungen: 74,8 Prozent, Kindertagespflege: 94,8 Prozent), der Größe der Gruppe (Kindertageseinrichtungen: 77,4 Prozent, Kindertagespflege: 93,1 Prozent) und den Aktivitäten und Lernangeboten (Kindertageseinrichtungen: 75,4 Prozent, Kindertagespflege: 83,7 Prozent) sind Eltern, die ihr Kind von einer Tagesmutter oder einem Tagesvater betreuen lassen, häufiger zufrieden. Hier zeigt sich, dass die Charakteristika der Betreuung in der Kindertagespflege feste Bezugspersonen und kleine Gruppen, die eine individuelle Förderung der Kinder begünstigen den subjektiven Wünschen vieler Eltern entsprechen. Auch mit der Flexibilität der Betreuungssituation sind Eltern in der Kindertagespflege eher zufrieden (Kindertageseinrichtungen: 71,7 Prozent, Kindertagespflege: 82,9 Prozent).“ (5. Evaluationsbericht des Kifög )

2. Die Tätigkeitsmerkmale einer Kindertagespflegeperson und einer Erzieherin

unterscheiden sich in der Arbeit mit den Kindern nicht wesentlich von der Tätigkeit der ErzieherInnen. Leistungsvergütung Bundesverband  Sehr wohl haben KTPP noch weitere Aufgaben, die ein Erzieher nicht hat und die in der Kindertagespflege nicht vergütet werden: Fortbildungen, Dokumentation, Elterngespräche, Putzen, Waschen, Einkaufen, Kochen, Büroarbeit etc.

3. Die Qualität der Kindertagespflege ist durchaus mit der einer Krippe vergleichbar:

Die Qualität der pädagogischen Prozesse in der Kindertagespflege erwies sich nicht schlechter als die in den institutionellen Settings für unter Dreijährige (Krippe, altersgemischte Gruppen).“ (Quelle: Nubbek Studie)

Die hohe Elternzufriedenheit kommt nicht von ungefähr.

Wir bieten:

  • kleine Gruppen

  • eine feste Bezugsperson

  • ein familiäres Umfeld

  • Räumlichkeiten, die oftmals ein zu Hause sind

  • viele verschiedene Konzepte – für jeden ist das passende dabei

  • flexible Betreuungszeiten – viele von uns passen ihre Arbeitszeiten sehr individuell den Bedürfnissen der Familien an

  • wir betreuen Säuglinge, Kleinkinder, Kindergarten- und/oder Schulkinder(0-14 Jahre).

  • wir betreuen individuell und können auf die einzelnen Bedürfnisse der Kinder ein­gehen

  • einige von uns betreuen Schulkinder nach der Schule, machen Hausaufgaben in der Kleingruppe mit ihnen, bieten Rückzugsmöglichkeiten, Aktivitäten am Nachmittag und die Möglichkeit am Vereinsleben im Ort teilzunehmen, Freunde zu treffen, Kind zu sein.

  • im besten Falle haben wir auch eine Vertretung – das muss unbedingt flächendeckend der Fall sein!

  • die individuelle Suche nach Familien bzw. Kindertagespflegepersonen, nach den jeweiligen Vorstellungen, Wünschen und Anforderungen, führen zu sehr persönlichen, sympathischen und familiären Verhältnissen zwischen den Beteiligten.

Um weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Kinderbetreuung zu sein, brauchen wir:

1. Eine auskömmliche und existenzsichernde Bezahlung

Laut SGB VIII muss die Bezahlung leistungsgerecht sein, aber nicht auskömmlich. Die Kommunen schieben die Verantwortung auf den Bund, der Bund auf die Länder. Wir brauchen eine Änderung des SGB VIII, um eine gerechte Bezahlung zu gewährleisten. Eine sehr gute Ausführung, was eine gerechte und vor allem leistungsgerechte Bezah­lung beinhaltet, hat der Bundesverband für Kindertagespflege e. V. ausgearbeitet. „Warum brauchen wir ein Modell für die Bezahlung von Kindertagespflegepersonen? Der „Vater“ des SGB VIII, Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Wiesner, liefert in seinem Gutachten zum Reformbedarf der Finanzierung der Kindertagesbetreuung die Antwort, indem er be­schreibt, was sich in den letzten Jahren geändert hat: „Die Kindertagespflege wurde mit Blick auf die Betreuung der unter Dreijährigen gesetzlich gerahmt und ebenfalls ausge­baut; sie lässt (…) ihre nachbarschaftlich-ehrenamtliche Herkunft hinter sich und bewegt sich immer deutlicher in Richtung auf eine existenzsichernde berufliche Tätigkeit der Kin­dertagespflegepersonen“. (Quelle: https://www.bvktp.de/files/bvktp-broschu__re_modell_zur_vergu__tung.pdf)

2. Gleichstellung zur Kita

Die Kindertagespflege wird häufig benachteiligt, wenn es um Fördergelder, Platzvergabe, Kosten für die Eltern und allgemeine Anerkennung geht. Derzeit kündigen viele Bundesländer an, dass die Kita-Plätze kostenfrei werden – oftmals ist die Kindertagespflege nicht inkludiert. Ein großer Nachteil für die Eltern, die die Kindertagespflege wählen. Mancherorts muss nachgewiesen werden, dass kein Krippenplatz verfügbar ist, um die Förderung für die Kindertagespflege erhalten zu können. Hier muss noch ganz viel passieren, damit die Situation für Eltern, Kinder und Kindertagespflegepersonen fair und den Kitas gleichgestellt wird. Das Wunsch- und Wahlrecht (SGB VIII §5) wird in vielen Kommunen mit „den Füßen getreten“. In der Praxis wird den Eltern meistens nicht die Wahl zwischen den verschiedenen Betreuungsformen ermöglicht. Unter anderem liegt dies an den in der Höhe extrem divergenten Landeszuschüsse, die die Kommunen für die verschiedenen Betreuungsformen erhalten.

3. Fördergelder

Kindertagespflege ist, laut SGB VIII, gleichrangig mit den institutionellen Betreuungsformen. Die Kindertagespflegepersonen müssen von den Fachberatern über die Möglichkeit von staatlichen Förderungen informiert werden. Selbstverständlich müssen die Fördergelder gleichermaßen für die Kindertagespflege und für die Kitas zur Verfügung stehen.

4. Qualifizierung

Da die Kindertagespflege seit Jahren als Beruf ausgeübt wird und eine gerechte Bezahlung fordert, brauchen wir auch eine qualifizierte Ausbildung. Derzeit ist das Curriculum vom DJI die höchste Qualifizierung, die für Kindertagespflegepersonen entwickelt wurde und angeboten wird. Wir fordern diese 300 Stunden als Mindestausbildung für Kindertagespflegepersonen. Unsere Forderungen und Formulierungen für das SGB VIII finden Sie hier: http://bvk-nrw.net/data/documents/Entwurf-zur-Novellierung-SGB_VIII.pdf

 

Um es mit den Worten von Charles Dickens zu sagen:

In der kleinen Welt, in welcher Kinder leben, gibt es nichts, dass so deutlich von ihnen erkannt und gefühlt wird, als Ungerechtigkeit“.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie die obengenannten Lücken schließen und sich für annähernd einheitliche Rahmenbedingungen die Kindertagespflege betreffend einsetzen.

Vielen Dank für Ihre Bemühungen!