Wir sind gut für die Kinder und Familien – wir fordern mehr Gerechtigkeit!

Warum tun wir all diese Dinge? Warum haben wir die Petition gestartet, die inzwischen fast 44.000 Menschen unterschrieben haben? Warum führen wir Gespräche mit Politikern und organisieren den Fachtag Kindertagespflege zur Reform des SGB VIII? Warum starten wir die Postkartenaktion um auf unsere Situation aufmerksam zu machen?


Weil einfach vieles in der Kindertagespflege richtig unfair läuft. Für uns Kindertagespflegepersonen, für die Eltern und für die Kinder. Wenn man so manche Dinge hört, denkt man sich „das kann nicht sein, das muss mein Scherz sein“. Es sind viele Absurditäten, die aber tatsächlich so passieren. In ganz Deutschland.

Fangen wir mal bei den Fördergeldern an. Vom Bund werden die Fördergelder auf die Länder verteilt. Bayern hat die Fördergelder bis vor ein paar Jahren noch einigermaßen gerecht verteilt. Der Basiswert zur Berechnung der Fördergelder war für Kitas und Kindertagespflege gleich. Das hat sich aber geändert. Der Basiswert ist nun für die Kitas höher. Weil man die Qualität steigern will, war mal eine Begründung. Heißt das, dass die Qualität in der Kindertagespflege sowieso schon gut ist?! Oder warum muss man diese nicht mehr fördern?

Dieser Basiswert in Bayern wird nun mit Gewichtungsfaktoren multipliziert. Für Kinder in der Krippe wird dieser Betrag mit 2,0 mulipliziert. Für Kinder in Kindertagespflege mit 1,3. D. h. ein niedrigerer Ausgangswert wird mit einem niedrigeren Gewichtungsfaktor multipliziert. Am Ende sind es um die 300 Euro weniger Fördergelder für die Kindertagespflege, die bei den Trägern ankommen. Warum? Weil Kitas teurer sind? Warum fördert man dann die Kindertagespflege nicht mehr?!

Eigentlich sollten Kita und Kindertagespflege gleichwertig behandelt werden. Manche Kommunen oder sogar ganze Bundesländer haben die Regel, dass zuerst die Kita-Plätze belegt werden müssen und man dann erst Anspruch auf einen Platz in der Kindertagespflege hat. Dass kein Platz in einer Krippe frei ist, muss man mancherorts alle 3 Monate nachweisen. Diese Regel dient wirklich nicht dem Wohl der Kinder und den Familien. Gerade für kleine Kinder ist die Bindung zur Betreuungsperson enorm wichtig für die Entwicklung. Ein Wechsel der Bezugsperson ist im Normalfall nie gut. Dass die kleine Gruppe, das familiäre Umfeld und die feste Bezugsperson ziemlich perfekt für kleine Kinder ist, ist wohl noch nicht überall angekommen.

In der Kita ist es (meist) ohne Nachweis möglich, dass die Eltern mehr als die Buchungsstunden, die der örtliche Rechtsanspruch umfasst, buchen.In der Kindertagespflege dürfen die Eltern meist 20 bis 25 Stunden ohne Nachweis buchen. Eine Familie, die gerade ihr 2. Kind erwartet, muss so z. B. von den vorherigen 40 Stunden auf 25 herunter stufen, weil die Kommune die 40 Stunden nicht mehr fördert. Für die Kindertagespflegeperson ein großer finanzieller Nachteil, wenn sie ihren Verlust nicht auf die Eltern umlegt. Dann hätten die Eltern einen großen Nachteil gegenüber Eltern, die ihr Kind in einer Kita betreuen lassen.

Mancherorts sind die Elternbeiträge doppelt so hoch wie die Elternbeiträge in der Kita. Dafür ist es meist so, dass es keine verlässliche Krankheitsvertretung in der Kindertagespflege gibt, obwohl das SGB VIII dies eindeutig vorschreibt.

Es kommt vor, dass die Beiträge für Kindertagespflege und Kitas von den städtischen Trägern erhöht werden, weil die Erzieherinnen in den Kitas nun mehr verdienen.

Die Selbstständigkeit ist ein großes Thema. Wir lieben es Selbstständig zu sein. Wir wollen selbst entscheiden können, welches Kind wir in unseren Räumlichkeiten betreuen, nach welchem Konzept wir arbeiten und wie lange wir arbeiten. Eine Selbstständigkeit umfasst im Normalfall viele andere Punkte, die eine Kindertagespflegeperson nicht betreffen. Wir können unser Einkommen nicht selbst bestimmen. Die Kommunen zahlen unser Entgelt und verbieten uns meist Zuzahlungen zu nehmen mit der Begründung, dass die Eltern keinen Nachteil gegenüber den Kitas haben sollen. Schöner Grund. Wollen wir auch nicht. Wir wollen aber tatsächlich von unserem Beruf leben können! Die Kommunen zahlen nicht selten so wenig, dass eine Aufstockung mit Hartz IV nötig ist. Viele Kindertagespflegepersonen bekommen weniger als den Mindestlohn. Die Jugendämter bestimmen die Kündigungsfristen. Diese sind oftmals so kurz, dass es nicht möglich ist in dieser Zeit den Platz neu zu besetzen. Eine Kindertagespflegeperson hat die Möglichkeit zusätzlich Privatverträge abzuschließen (manche Jugendämter denken, sie könnten dies verbieten), die Kündigungsfristen etc. gesondert regeln.

Dadurch, dass die Kindertagespflegeperson in vielen Kommunen einen Vertrag mit dem Träger der Jugendhilfe unterschreiben muss, um als Kindertagespflegeperson Geld für die Betreuung der Kinder zu bekommen, kann sich diese kaum gegen die Bedingungen wehren. Ich habe es versucht und das Würzburger Gericht sagte mir, dass das Jugendamt von mir verlangen kann diesen Vertrag zu unterschreiben, auch wenn er für mich Nachteile hat. So ist es mir z. B. laut diesem Vertrag gar nicht möglich einer Familie zu kündigen. Kündigen kann nur die Familie oder das Jugendamt.

Aber zurück zur Selbstständigkeit. Jeder Selbstständige darf sein Einkommen selbst bestimmen. Er berechnet die Arbeitszeit, das Material, die Vor- und Nachbereitung, die Fahrkosten, er rechnet Rücklagen und Anschaffungen etc. mit ein. Bei uns ist das alles nicht berücksichtigt. Bezahlt wird die Arbeit am Kind und die Sachkosten. Ein Großteil der Kindertagespflegepersonen kann von dem Geld, das sie vom Jugendamt bekommen, keine Rücklagen bilden, da können nie und nimmer Vor- und Nachbereitung mit Abgedeckt sein, da kann auch kein Risiko mit eingerechnet sein. Dafür ist dann wieder unser reicher Ehemann zuständig.

In manchen Kommunen bekommt eine Kindertagespflegeperson ab dem Monat, in dem das Kind 3 Jahre alt wird, weniger Geld. Das Kind macht ja ab nun weniger Arbeit. Oder? Der Platz ist trotzdem voll besetzt und die Kindertagespflegeperson hat wieder einen finanziellen Nachteil.

Kindergartenkinder dürfen oft nur in Randzeiten von einer Kindertagespflegeperson betreut werden. D. h. erst nach den Schließzeiten der Kita. Für viele Kinder ist aber ein ganzer Tag im Kindergarten sehr anstrengend und sie würden die kleine Gruppe am Nachmittag sehr genießen.

Eine Kindertagespflegeperson ist von vorne herein als nebenberuflich selbstständig bei den Krankenkassen eingestuft. Obwohl sie oft bis zu 50 Stunden in der Woche arbeitet. Die Einstufung liegt an der Höhe des Einkommens. Es ist einfach meist zu wenig um eine hauptberufliche Versicherung zu zahlen. Deshalb gibt es für Kindertagespflegepersonen diese Sonderregelung. Es ist bei manchen Krankenkassen möglich sich hauptberuflich versichern zu lassen. Einfach ist es nicht ,aber wohl machbar. Der Beitrag für die Versicherung ist dann natürlich deutlich höher und diesen Luxus können sich nicht viele Kindertagespflegepersonen leisten. Das ist tatsächlich ein Luxus, weil wir als nebenberuflich Selbstständige nämlich keinen Anspruch auf Krankengeld oder Mutterschaftsgeld haben. D. h. wenn wir krank sind, bekommen wir kein Geld von der Versicherung. Wenn wir ein Kind bekommen, müssen wir von unseren nicht vorhandenen Rücklagen leben – oder noch besser: vom gut verdienenden Ehemann, der in einigen Kommunen Voraussetzung für die Tätigkeit als Kindertagespflegeperson ist („gesichertes finanzielles Einkommen“ muss vorhanden sein).

Einige Kommunen zahlen der Kindertagespflegepersonen 30 Ausfalltage (Urlaub oder Krankheit). Das ist super. Als Selbstständige haben wir nämlich keinen Anspruch auf bezahlten Urlaub. Allerdings wird ab dem 31. Tag Krankheit oder Urlaub nicht mehr gezahlt und die Krankenversicherung zahlt ja auch nicht. Ziemlich ungünstig, wenn man für längere Zeit ausfällt. Dann muss eine Kindertagespflegeperson eben ohne Stimme oder mit gebrochenen Bein arbeiten – oder ihren Job an den Nagel hängen.

Ein ganz großes Problem ist, dass die Kitas häufig einen enormen Druck auf die Eltern ausüben. Oftmals wird den Eltern gesagt, dass sie entweder jetzt den Kindergartenplatz nehmen oder sie gar keinen bekommen werden, oder dass das Kind zuerst in die Krippe muss, damit es irgendwann in den dazugehörigen Kindergarten gehen kann.

Ein ganz neues Feld, mit dem ich gerade in Berührung komme, ist die offene Ganztagsschule. Sehr offen ist diese aber meist nicht. Wenn eine schichtarbeitende Mutter an ungefähr 6 Tagen im Monat die eigentlich gebuchte Zeit von 14 Uhr nicht einhalten kann, muss das Kind selbstverständlich den ganzen Monat bis 16 Uhr gebucht werden und auch bleiben! Eine vorzeitige Abholung ist nicht möglich. Wer bis 16 Uhr bucht, bleibt auch bis 16 Uhr. Bei uns im Ort können die Eltern bis 14 Uhr oder bis 16 Uhr buchen. Dazwischen kann kein Kind gehen. Eltern, die bis 14 Uhr arbeiten sehen ihre Kinder also erst um 16 Uhr. Es gibt eine Hausaufgabenbetreuung, das bedeutet, dass die Kinder die Möglichkeit haben Hausaufgaben zu machen. Sie werden nicht auf Richtigkeit oder Vollständigkeit überprüft.

Auch bei den Kindern ab 6 Jahren ist es wieder so, dass die Einrichtungen Vorrang haben.Die Kinder dürfen erst zu einer Kindertagespflegeperson, wenn die Einrichtung die gewünschten Zeiten nicht abdeckt, voll ist oder das Kind einen besonderen Förderbedarf hat. Wenn es aber einfach das Beste für das Kind wäre, am Nachmittag bei jemanden zu Hause zu sein, mit jemanden in kleiner Runde zu Mittag zu essen und im kleinen Rahmen die Hausaufgaben mit jemanden zusammen zu machen, der Dinge erklären kann, der helfen kann und einfach nur da ist, ist das nicht möglich. Ich betreue ab September dieses Kind, dessen Mutter an 6 Tagen im Monat bis 14 Uhr arbeiten muss. Dieses Kind kommt nun an genau diesen 6 Tagen zu mir und ist an allen anderen Tagen bis 14 Uhr im der Ganztagsschule anstatt bis 16 Uhr. Die Mutter muss mir dieses Geld aber privat zahlen, weil das Jugendamt diese Betreuung nicht fördert, weil das Kind ja auch in der Schule betreut werden könnte. Familienfreundlich? Flexible? Zum Wohl des Kindes? Das sei mal dahingestellt.

Ich könnte noch stundenlang weiter schreiben. Aber das liest ja keiner… Gerne könnt ihr mir eure Erfahrungen oder Widersinniges HIER als Kommentar unter den Beitrag schreiben.

Zusammengefasst sind unsere Probleme also:

  • zu wenig Bezahlung
  • Benachteiligung bei der Vergabe von Fördergeldern
  • Benachteilung gegenüber Krippen
  • Benachteiligung bei der Vergabe eines Kindergartenplatzes (für die Eltern und dadurch unser Problem)
  • Einrichtungen haben Vorrang
  • Benachteiligung der Eltern bzgl. Buchungszeiten
  • Träger halten sich nicht immer an die Gesetze (Siehe Krankheitsvertretung)
  • Krankenversicherung

Wir brauchen:

  • eine Gleichstellung mit den Einrichtungen, was bedeutet:

    • gleiche Elternbeiträge
    • gleicher Anspruch was die Buchungszeiten betrifft
    • Krankheitsvertretung
    • gleiche Fördergelder für die Träger
    • Wahlrecht für die Eltern
    • keine Benachteiligung bei der Platzvergabe
  • eine gerechte Bezahlung

    • die Krankheit möglich macht
    • die eine ausreichende Krankenversicherung ermöglicht
    • die unser Risiko als Selbstständige absichert
    • die Vor- und Nachbereitung berücksichtigt
    • die uns ermöglicht, von unserer Arbeit zu leben (auch ohne reichen Ehemann!)

 

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

2 Gedanken zu „Wir sind gut für die Kinder und Familien – wir fordern mehr Gerechtigkeit!

  1. Hallo Jenny,
    klasse Aktion! Wir in Chemnitz unterstützen Dich kräftig mit, wollen Dich aber bitten uns bis zum 27.04. Zeit zu geben. Wir gründen am 25.04. den Verein „KIndertagespflege-Chemnitz e. V.“ und wirden da eine gaaaaaanze Menge Karten ausfüllen und in einem großen Päckchen zu Dir schicken! Wäre dies machbar?

    LG Janine
    http://www.Kindertagespflege-Zwergenfuesse.de

  2. Hallo Jenny,
    morgen geht ein dicker Umschlag mit den 126 Karten weg.
    Vielleicht gibt es ja die Möglichkeit die Karten an die Einzeladressen auch zusammen zu verschicken!?
    Toll das du dich so dafür engagierst. Vielen Dank.
    Liebe Grüße
    M.Loos

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