Wir sind mehr wert!

Warum müssen wir uns ständig rechtfertigen,dass wir ein ausreichendes Einkommen haben wollen? Ist das so ungewöhnlich? Wurde nicht genau deshalb der Mindestlohn eingeführt? Damit jeder Mensch ein gewisses Mindesteinkommen hat? Klar ist der Mindestlohn sehr niedrig angesetzt, aber keiner zweifelt daran, dass es sinnvoll ist, dass es eine Untergrenze gibt, wie viel man mindestens verdienen muss. So eine Untergrenzen wollen wir für die Kindertagespflege auch erreichen. Für die Bezahlung und auch für die Ausbildung. Allerdings muss hier die Selbstständigkeit der Tagesmütter und Tagesväter berücksichtigt werden. Natürlich fordern wir auch einen Mindeststundensatz für uns, von dem wir leben und ausreichend in die Rentenversicherung einzahlen können, damit wir nicht in die Altersarmut rutschen.


Ist das so viel verlangt? Seine Familie ernähren zu können und im Alter (oder sogar jetzt schon) nicht von Hartz IV leben zu müssen?

Ja, es gibt Kolleginnen und Kollegen, die jetzt bereits gut verdienen. Aber das ist die Ausnahme. Ganze 4,39 Euro bekommt eine Kindertagespflegeperson durchschnittlich in Deutschland. Natürlich pro Kind und Stunde gerechnet. Ich zeige euch mal auf, was das bedeutet:

Tagespflegeentgelt 4,39 Euro
– Betriebskosten* 1,73 Euro
Vergleichbares „Brutto“ 2,66 Euro
– Krankenversicherung 0,21 Euro
– Rentenversicherung 0,25 Euro
– Steuern 0,53 Euro
Vergleichbares „Netto“ pro Kind 1,67 Euro
– Rücklagen?!
*Betriebskostenpauschale: Dies ist der Wert, den das Finanzamt für eine Betreuungsstunde pro Kind anerkennt. Einigen Tagemüttern und -vätern reicht diese Pauschale gut, einige kommen damit klar und einige kommen drüber und rechnen mit Einzelbelegen ab. Aber die 1,73 Euro sind ein guter Mittelwert.

Es bleiben also unglaubliche 1,67 Euro pro Kind und Stunde übrig. Jede Kindertagespflegeperson betreute 2014 3,3 Kinder. Also, nehmen wir die 1,67 Euro und verdreifachen diese Zahl. Das ergibt: 5,01 Euro

Eine durchschnittliche Tagesmutter oder ein durchschnittlicher Tagesvater hat im Jahr 2014 also durchschnittlich ganze 5,51 Euro als vergleichbares Netto in der Tasche gehabt. Davon müssen natürlich noch Rücklagen gebildet werden – die durchschnittliche Kindertagespflegeperson ist ja selbstständig.

Unter den Geringverdienern ist die Küchenhilfe auf dem ersten Platz mit 9,43 Euro brutto pro Stunde (als Angestellter, versteht sich).

Wir Kindertagespflegepersonen haben 2,66 Euro x 3,3 Kinder = 8,78 Euro (als Selbstständiger, versteht sich)

So, nun schnibbeln wir kein Gemüse, wir putzen auch keine Gebäude, wir fegen nicht die Straße und schneiden auch keine Haare. Alles sehr wichtige Berufe. Aber wir passen auf die Kinder auf. Uns werden Babys und Kleinkinder anvertraut. Wir sind dafür mit verantwortlich, dass aus ihnen gute Menschen werden. Wenn wir eine Sekunde unaufmerksam sind, könnte das einem Kind das Leben kosten, wenn wir nur einen Augenblick wegschauen, könnte sich jemand verletzen, wenn wir den Kindern nicht aufmerksam entgegen treten, merken wir nicht, was sie brauchen um glücklich zu sein. Wir sind mit verantwortlich, dass die Kinder gesunde, gut gebildete und glückliche Erwachsene werden.

Wir ermöglichen (in unserem Fall) 6 Elternteilen wieder zu arbeiten. Sie verdienen ein vielfaches von dem, was wir für die Betreuung ihrer Kinder bekommen. Durch uns zahlen 6 Leute Steuern und durch uns haben 6 Leute ein gutes Gefühl, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind.

Wenn durch unsere Arbeit 6 Leute arbeiten können um ihre Familie zu ernähren, sollte es uns doch möglich sein, dass wir von dieser Arbeit auch leben können. Wir unterstützen die Eltern, damit sie Familie und Beruf vereinbaren können. Wir sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft!

Wir sind es wert, mehr als den Mindestlohn zu bekommen! Völlig egal, welche Ausbildung wir haben. Das, was wir tun, zählt. Wir passen auf eure Kinder auf. Und wenn wir das gut machen, haben wir auch gutes Geld verdient! Und wir fordern nicht mal „gutes Geld“. Wir fordern einen angemessenen Stundensatz, von dem wir UNSERE Familie ernähren können. Unser Ziel ist es nicht reich zu werden, unser Ziel ist es, fair behandelt und bezahlt zu werden.

Das Argument „ich verdiene auch so wenig“ aus anderen Branchen, zählt nicht. Nur weil es euch schlecht geht, muss es allen schlecht gehen?! Wenn ihr nicht zufrieden seit, dann tut was dagegen! Wir kämpfen für bessere Bedingungen – das steht jedem offen.

Unsere Forderungen würden eine deutliche Besserung für viele Tagesmütter und Tagesväter bedeuten. Einige würden nicht direkt davon profitieren, weil sie schon fair behandelt werden, aber auch diese Kollegen sollten sich nicht auf ihrem hohem Roß ausruhen, sondern uns helfen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Man sieht sich immer zwei mal…

Auch wenn ihr als Kindertagespflegepersonen nicht allen Punkten zu 100 % zustimmt: Fragt euch, ob es der Mehrheit was bringen würde und ob es die Situation allgemein verbessert. Und unterschreibt auch, wenn es euch gerade nicht betrifft. Ihr könntet die nächsten sein.

Hier unterschreiben

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

4 Gedanken zu „Wir sind mehr wert!

  1. Was bedeutet diese Berechnung noch?
    Wenn ich 5 Kinder jeweils 30 Stunden pro Woche betreue, dann komme ich netto im Monat auf 1.000 Euro. Da habe ich aber noch keine Mittagspause gemacht. Da habe ich noch keinen Bürokram gemacht. Da habe ich weder eingekauft noch saubergemacht. Und die 5 Kinder mit je 30 Stunden sind außerdem nur Wunschdenken, denn so regelmäßige Buchungszeiten hatte ich noch nie – wurden auch nie vom Jugendamt vermittelt.
    Außerdem bekomme ich kein Geld, wenn ich auf Fortbildung bin, wenn ich krank bin und wenn ich Urlaub mache. Ist ganz normal – bin ja selbständig.

    So, wer will freiwillig diesen Job? Jede Woche rund 40-45 Stunden arbeiten für netto 1.000 Euro.

    1. Das haben viele Tagesmütter noch nicht mal netto und arbeiten noch mehr Stunden pro Woche – reine Betreuungszeit. Da ist Vorbereitung, Nachbereitung, Putzen, Einkaufen, Dokumentation und Buchhaltung noch nicht mit einberechnet.

  2. Oftmals werde ich von Kolleginnen aus dem Kindergarten angegangen. Wieso ich überhaupt mit meiner Arbeit unzufrieden bin…ich hätte doch viel weniger Kinder zu betreuen und trotzdem ein recht hohes Einkommen – Daher hier ein Brief an angestellte Erzieherinnen:

    „Liebe Erzieherin,
    stell Dir mal vor, die Arbeitsbedingungen von angestellten Erzieherinnen und von selbständigen Erzieherinnen (die als Tagespflegepersonen arbeiten) würden vom Gesetzgeber angeglichen. Das würde für Dich folgendes bedeuten:

    Dein Verdienst richtet sich künftig nur noch nach der Anzahl der Kinder und Deiner Anwesenheit. Wenn Kinder längere Zeit krank sind, die Buchungszeiten reduziert werden oder Familien wegziehen, dann bekommst Du weniger Geld. Wenn Du während der Arbeitszeit auf Fortbildung gehst, krank bist oder Urlaub machst, dann bekommst Du weniger Geld. Nur „arbeitsfaule“ Arbeitgeber (das sind die, die glauben eine genaue Berechnung und Rückforderung macht zu viel Verwaltungsaufwand) zahlen Deinen Verdienst weiter – aber auch nur für 20-30 Tage pro Jahr (incl. Krankheit, Urlaub, Fortbildung).

    Deine Arbeitszeit richtet sich künftig ebenfalls nur noch nach den Kindern. Wenn das erste Kind gebracht wird, musst Du anwesend sein. Wenn das letzte Kind abgeholt wird, musst Du anwesend sein. Wenn Du nicht da bist und Du auch keine Vertretung nachweisen kannst, dann droht Dir der Arbeitgeber mit Kündigung (Die Vertretung zu organisieren ist zwar die Aufgabe des Arbeitgebers, aber er nimmt das nicht so ernst).

    Nach Deiner „Arbeit am Kind“ darfst Du künftig noch Aufräumen, Putzen, Vorkochen für den nächsten Tag, Einkaufen (Lebensmittel, Putzmittel, Spielsachen), Büroarbeit erledigen, Elterngespräche führen, die Schäden am Inventar reparieren. Nicht vergessen solltest Du auch, Telefon, Heizöl Strom, Müll, Wasser und Abwasser und alle Versicherungen zu bezahlen und Verbrauchsmaterial (Seife, Papierhandtücher, etc.) zu bestellen. Defektes Spielmaterial darfst Du auf eigene Kosten ersetzen und das nötige Bastelmaterial (z.B. für Laternen) bezahlst Du selber- ebenso wie frisches Obst für die morgige Brotzeit. Der Grund: Dein Arbeitgeber hat Dir im Arbeitsvertrag verboten, von den Eltern Geld oder geldwerte Leistungen anzunehmen.

    Du bist künftig rechtlich gesehen ein „Lebensmittelunternehmer“ und somit verantwortlich für alle Lebensmittel, die die Kinder erhalten. Selbst wenn die Eltern verdorbene Lebensmittel mitgeben, musst Du dafür geradestehen. Natürlich wird auch alles von den Behörden kontrolliert: Kühlkette, Einhaltung der Belehrungspflichten, Sauberkeit, Hygiene, Papierkram…

    Und nicht zu vergessen: Du bist natürlich auch voll verantwortlich für die Einhaltung der baurechtlichen Anforderungen wie z.B. Rettungswege, Einzäunung, Stolpergefahren und Schutzgitter sowie der Funktion von Rauchmeldern und Feuerlöscher. Aber das wird natürlich erst dann interessant, wenn ein Unfall passiert ist und die Unfallversicherung vor Ort den Hergang rekonstruiert.

    Und wenn Du jetzt fragst, welche Aufgaben eigentlich künftig der Elternbeirat, der Träger der Einrichtung oder auch die Aufsichtsbehörden haben: die machen nur Beratung – die Verantwortung trägst Du alleine. Wenn was passiert, kann es sein, dass Du Deine Arbeit verlierst oder zumindest eine Strafe zahlen musst.

    Erhöht sich dann wenigstens die Bezahlung entsprechend der Verantwortung? Im Gegenteil: Du musst künftig mit rund 1.000 Euro netto bei Vollzeit auskommen – der Landkreis sieht den Betrag als angemessene „Anerkennung“ Deiner Arbeit an und Dein Arbeitgeber richtet sich natürlich nach dieser Empfehlung.

    Ich bin sicher, Du bist mit diesen Arbeitsbedingungen zufrieden – Du hast Dir diesen Beruf ja schließlich freiwillig ausgesucht.

    Viele liebe Grüße
    von einer selbständigen Tagesmutter
    die diese Verantwortung jeden Tag trägt.“

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