Eine Tagesmutter ist ungelernt – Vorurteil Nr. 3

„Wir werden das Kind schon schaukeln“  – eine Redewendung die hier ganz gut passt. Hier geht es nämlich um das Grundbedürfnis des Kindes nach Nähe und Geborgenheit. Ein Kind Schaukeln kann jeder und meist geht es dem Kind dann gut. Aber reicht das aus? Die Grundbedürfnisse befriedigen? Oder erwarten wir mehr von einer Betreuung?Viele Eltern möchten ihr Kind nicht in die Hände einer Frau (oder eines Mannes) geben, die keine pädagogische Ausbildung hat. Ist eine pädagogische Ausbildung tatsächlich so wichtig? Wieviele Kindertagespflegepersonen bereits eine pädagogische Ausbildung haben, habe ich euch unten im Text aufgezeigt.


Welche Kriterien muss eine passende Betreuungsperson erfüllen?

  • sie muss die Grundbedürfnisse des Kindes erkennen und stillen können. Also füttern, wickeln, pflegen und dem Kind Nähe geben.
  • Eltern ist auch wichtig, dass die Betreuung nahe am Wohnort oder am Arbeitsort ist
  • Flexibilität ist wichtig
  • Eine verlässliche Betreuung ist unabdingbar
  • Die Kosten spielen eine wichtige Rolle – die Beste Qualität zum Kleinsten Preis
  • Die Räumlichkeiten fallen den Eltern gleich ins Auge

Wenn eine Tagesmutter diese Kriterien alle erfüllt, ist das schon mal super. Aber reicht das? Wofür braucht sie dann die pädagogische Ausbildung? Was lernt man eigentlich als Erzieherin?

Ich habe meine Ausbildung zur Erzieherin 2006 abgeschlossen. Also kurz bevor beschlossen wurde den Rechtsanspruch für U3-jährige einzuführen. Tagesmütter gab es damals schon, auch einige Krippen. Mein Wunsch war es damals in einer Krippe zu arbeiten, mit den ganz kleinen Kindern. In der theoretischen Ausbildung haben wir dazu nichts gelernt. Zumindest kann ich mich an nichts erinnern. Hauptsächlich ging es um die Betreuung von Kindergartenkinder und auch ein bisschen um die Betreuung von Menschen mit Behinderung. An das Thema „Bindung“ kann ich mich gut erinnern. Das fand ich von Anfang an sehr wichtig. Im Pädagogikbuch füllte das eine ganze Seite…

Ich hatte das Glück in mehreren Krippen (und es gab ja noch so wenige) Praktikum machen zu dürfen. So konnte ich wenigstens praktisch lernen, was wichtig ist.

Mein ganzes theoretisches Wissen über die Entwicklung, die Bedürfnisse und die Betreuung von Kindern unter 3 Jahren habe ich mir nach meiner Ausbildung während vieler Fortbildungsstunden angeeignet. Das Papierschiff in Würzburg bietet z. B. eine Zusatzqualifikation zur Kleinkindpädagogik an.

Natürlich war meine Ausbildung nicht umsonst. Ich habe viel gelernt über die physische, psychische und soziale Entwicklung von Kindern und dieses Wissen kann ich auch manchmal für die kleineren anwenden.Ich habe Gesprächsführung gelernt und kann nun mit den Eltern wertschätzend umgehen. Ich habe gelernt Ich-Botschaften zu schicken und meine Arbeit zu reflektieren, ich habe gelernt zu beobachten und diese zu dokumentieren. Ich kann pädagogische Fachtexte verstehen und sie umsetzen. Ich kann das Verhalten der Kinder (manchmal) analysieren und verstehen. Ich habe psychologische Grundkenntnisse vermittelt bekommen, mit denen ich erahnen kann, was in einem Kind vorgeht. Ich durfte viele Praktika machen und so viele verschiedene Arbeitsweisen kennenlernen. Ich habe von meiner Anleiterin gelernt meinen Alltag zu strukturieren und wie man die Nerven behält, wenn man sich alleine um 25 Kinder kümmert. Ich möchte meine Ausbildung nicht missen.

Allerdings besteht ein großer Unterschied zwischen Kindergartenkindern und Kleinkindern. Im Kleinkindalter steht die Bindung zur Bezugsperson an erster Stelle. Höchste Priorität hat die Beziehung zum Kind. Wenn diese gut und stabil ist, kann das Kind auch lernen und sich entwickeln. Die Grundbedürfnisse haben hier einen viel höheren Stellenwert. Um diese stillen zu können, braucht man keine pädagogische Ausbildung, sondern Herz und Verstand. Ich möchte behaupten, dass wohl die meisten Kindertagespflegepersonen mit Herz und Verstand arbeiten und genug Einfühlungsvermögen besitzen um den Kleinen eine glückliche Kindheit bei der Tagesmutter zu ermöglichen.

Ich halte eine qualifizierte Ausbildung für alle Menschen, die mit Kindern arbeiten, für sehr sehr wichtig. Allerdings kann man nicht behaupten, dass eine Erzieherin besser Kleinkinder betreuen kann als eine liebevolle Tagesmutter.

Eine Vielzahl an Tagesmüttern und natürlich auch Tagesvätern hat eine beachtliche Summe an Fortbildungsstunden und diese gezielt für den U3 Bereich. Ich würde sogar behaupten, dass einige von ihnen auf die Arbeit mit Kindern unter 3 Jahren deutlich besser vorbereitet waren als ich mit meiner Ausbildung für Kindergartenkinder.

Jede qualifizierte Kindertagespflegeperson muss einen Kurs von mindestens 100 Stunden (hier in Würzburg) absolvieren. Standart sind schon 160 Stunden und mittlerweile wird aufgestockt auf 300 Stunden. Eine sehr gute Entwicklung. In diesem Kurs werden nicht nur wirtschaftliche und organisatorische Themen behandelt, sondern ganz viel Pädagogik, der Umgang mit den Eltern und vieles mehr. Außerdem ist es in vielen Kommunen Pflicht, dass eine Tagesmutter und ein Tagesvater eine gewisse Anzahl von Fortbildungsstunden im Jahr absolviert. 15 Stunden ist hier ein guter Durchschnitt (zum Vergleich: viele Erzieher bekommen nicht so viele Stunden pro Jahr genehmigt).

Es ist wichtig, dass Kindertagespflegepersonen grundlegende pädagogische Kenntnisse besitzen – wir wollen als anerkannter Beruf gelten. Dafür muss man auch etwas tun. Ich begrüße eine längere Ausbildung sehr, weil sie das Berufsbild aufwertet und den Tagesmüttern mehr Sicherheit im Betreuungsalltag gibt. Sie können die Entwicklung besser verstehen und begleiten und können somit auch den Eltern sicher und selbstbewusst gegenübertreten.

„Das Qualifizierungsniveau der Tagespflegepersonen stieg seit 2008 kontinuierlich an. 2014 waren 75,2 Prozent nach dem fachlich geforderten Mindeststandard qualifiziert.“

Auch die Regierung sieht das Problem der unzureichenden Qualifikation.

„Zukünftig soll die Grundqualifizierung von Tagespflegepersonen durch das „Kompetenzorientierte Qualifizierungshandbuch Kindertagespflege“ auf 300 Unterrichtsstunden und 80 Stunden Praktikum erweitert werden“

Allerdings sieht die Realität gar nicht so schlecht aus:
Derzeit haben 6,2 % der Kindertagespflegepersonen einen pädagogischen Berufsausbildungsabschluss,

10,4 % haben eine pädagogischer Ausbildung und einen Qualifizierungskurs mit weniger als 160 Stunden,

14,5 %  haben eine pädagogischer Ausbildung und einen Qualifizierungskurs mit 160 Stunden und mehr,

44,1 % haben nur den Qualifizierungskurs mit 160 Stunden und mehr,

20,2 % haben nur den Qualifizierungskurs mit weniger als 160 Stunden und

4,6 % haben keine formale Qualifikation.

Diese Zahlen stammen aus dem 5. Evaluationsbericht des Kifög des BMFSFJ

Ca. 30 % der Kindertagespflegepersonen haben also jetzt bereits pädagogische Vorkenntnisse. Und nur 4,6 % haben gar keine Qualifikation. Ich muss jetzt ehrlich sagen, dass die Eltern durchaus die Wahl haben, nur Kindertagespflegepersonen zu wählen, die einen Qualifizierungskurs gemacht haben.

2008 hatte noch über 50 % keine Qualifikation oder einen Kurz mit weniger als 160 Stunden. 2014 waren es nur noch ca. 14 %.

Die Qualifikation der Kindertagespflegepersonen steigt also.

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

Ein Gedanke zu „Eine Tagesmutter ist ungelernt – Vorurteil Nr. 3

  1. Stimmt nicht! Ich selbst bin eine ausgebildete staatlich anerkannte Erzieherin mit Heilpädagogischer Zusatzausbildung und habe meine Arbeit als Tagesmutter bewußt gewählt, denn so kann ich den einzelnen Kindern, auch denen mit Handycape, gerechter werden. Wir haben in unserem Haus extra Räume nur für die Kinder eingererichet. In meiner Tagespflegestelle (Sachsen) habe ich schon einige Praktikanten in der Erzieherausbildung betreut und fand es sehr schade, dass die Kompetenz für die Unterdreijährigen fast ausschließlich auf die Pflge bezog. Die Praktikantinnen waren sehr neugierig und dann erstaunt, was man mit dieser Altersgruppe bereits alles machen kann. Man braucht halt nur die nötige Zeit dazu und diese fehlt sehr oft in den öffentl. Kindereinrichtungen.

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