Tagesmütter arbeiten alleine – Vorurteil Nr. 2

Das 2. Vorurteil, dem ich während meiner Recherche begegnet bin, ist, dass eine Tagesmutter oder ein Tagesvater alleine arbeitet. Viele Eltern sehen das als Problem, weil niemand die Arbeit der Kindertagespflegeperson überwachen kann. Aber ist dies nötig?Wenn man sein Kind, seinen kleinen Schatz, sein Ein und Alles in fremde Hände gibt, muss Vertrauen da sein. Ganz egal, wem man sein Kind überlässt. Oftmals waren die Kleinen vor der Betreuung in einer Kita oder in der Tagespflege noch nicht bei fremden Menschen und es ist ein großer Schritt für das Kind und natürlich für die Eltern. Ein weiterer Schritt zum Groß werden.


Natürlich vertraut man sein Kind nicht jedem an. Worauf legen Eltern wert? Auf ein gutes Konzept? Auf tolle Räumlichkeiten? Auf die Spielsachen? Am Wichtigsten ist aber die Person, die auf das Kind aufpassen wird. Ist sie eine liebevolle, einfühlsame Person, kann schon mal weniger schief gehen. In der Kindertagespflege haben Eltern die Möglichkeit die Person, die auf ihr Kind aufpassen wird, persönlich unter die Lupe zu nehmen. Sie bekommen einen Einblick in die privaten Räume dieser Person. Sie sehen, was ihr wichtig ist, wie sie ihr Leben gestaltet, ob sie ordentlich ist oder nicht und noch vieles mehr. Kindertagespflegepersonen lassen fremde Leute in ihr Zu Hause. Die Eltern lernen eine Tagesmutter und einen Tagesvater auf einer ganz anderen Ebene kennen. Die Eltern führen das Kennenlerngespräch mit der Person, die ihr Kind in den Schlaf singen wird, die ihr Kind tröstet, wenn es Mama und Papa vermisst, die mit ihm wahrscheinlich auch mal schimpfen wird. Dieses Kennenlernen hilft den Eltern sehr diese Person einzuschätzen. Schön ist es, wenn die eigenen Kinder der Tagesmutter oder die Tageskinder im Haus sind. So kann man vielleicht erahnen, wie sie mit ihnen umgeht und was aus ihnen bereits geworden ist ;).

Keine Frage, man muss einer Tagesmutter vertrauen, man muss der Erzieherin in der Kita vertrauen. Mehr Personal schützt leider nicht vor schlechtem Umgang mit den Kindern. Kollegen halten zusammen.

Es gibt aber Möglichkeiten die Kindertagespflegeperson einzuschätzen. Vielleicht bietet sie Schnuppertage an, vielleicht können die Eltern die Gruppe auf Ausflüge begleiten? Beim Bringen und beim Abholen  lässt sich der Umgang mit den Kindern auch sehr schön beobachten. Ich kennen Kindertagespflegepersonen, die täglich zum Kindergarten laufen und viele andere Eltern sehen, manche gehen zum Kinderturnen, zum Musikkreis, zur Krabbelgruppe, in die Natur, auf Spielplätze, sie treffen sich mit Kollegen, besuchen die Feuerwehr – immer sind andere Leute dabei und können den Umgang mit den Kindern beobachten. Ganz alleine ist kaum eine Kindertagespflegeperson.Wenn sich die Eltern immer noch nicht sicher sind, ob Sie eine gute Tagesmutter im Blick haben, dann können sie andere Eltern und die Leute im Ort fragen. Eine Großzahl der Kindertagespflegepersonen sind auch häufig in der Öffentlichkeit zu sehen – sie verstecken sich nicht in den 4 Wänden – und falls doch, dann sollten die Eltern vielleicht doch noch mal darüber nachdenken.Es gibt auch Großtagespflegestellen, in denen mehrere Tagesmütter zusammen arbeiten. Vergleichbar mit einer kleinen Krippe. Hier muss auch mindestens eine Tagesmutter eine pädagogische Ausbildung vorweisen können.Diese etwas größeren Gruppen sind mittlerweile sehr beliebt und solche Zusammenschlüsse findet man sehr häufig. Es sind mehr Kinder als bei einer Tagesmutter, aber weniger als in einer normalen Krippengruppe. Es müssen hier mindestens 2 Tagesmütter für bis zu 10 Kinder sein.
Alle Kindertagespflegepersonen werden vom Jugendamt überprüft, alle durchlaufen einen Kurs mit mindestens 100 Stunden, in denen sie die Grundlagen der Kleinkindpädagogik lernen (Eine Erzieherin hat bis 2006 in der Ausbildung nichts/fast nichts über die Betreuung von Kinder unter 3 Jahren gelernt). Dieser Kurs wird nach und nach auf 300 Stunden aufgestockt. Desweiteren müssen eine bestimmte Anzahl von Fortbildungen pro Jahr absolviert werden, eine 1. Hilfe-Kurs muss alle 2 Jahre gemacht werden und alle im Haus lebenden Erwachsene müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Natürlich werden auch die Räumlichkeiten auf Eignung überprüft und die Kindertagespflegeperson wird alle 2 Jahre eine Belehrung vom Gesundheitsamt bekommen. Das Jugendamt sollte auch ständig ein Auge auf die Tagesmütter haben und mit ihnen im Gespräch sein. In manchen Orten werden die Tagesmütter auch unangekündigt kontrolliert. Dass eine Tagesmutter alleine arbeitet, ist aber nicht unbedingt ein Nachteil. Experten sehen es als unabdingbar an, dass die Kinder eine gute und sichere Bindung zu ihrer Betreuungsperson haben. Lieber eine feste Bezugsperson, als mehrere Betreuungspersonen, zu denen das Kind keine sichere Bindung hat. Es ist nicht nicht unbedingt positiv, wenn das Kind kein Problem damit hat, wenn die Bezugsperson wechselt.

Dr. Karl-Heinz-Brisch (Bindungsforscher und Kinderpsychiater)  in der „Zeit“:

„Brisch: Die Kinder sehen unter der Woche viele Menschen, nicht nur die zwei Erzieherinnen, und das auch noch zu unterschiedlichen Zeiten. Damit sind sie wirklich auf hoher See, was emotionale Bindungen, Beziehungen und Sicherheit angeht.“ (Zeit)

Der Nachteil, alleine zu arbeiten, kann also für die Kinder auch ein Vorteil sein.

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.