Wenn ein Löffelchen voll Zucker…

bittere Medizin versüßt…

oder wie kleine „Zaubereien“

den Alltag erleichtern können.

Ja, ich weiß, man darf den Kindern nicht alle Wünsche erfüllen. Die Welt ist nicht perfekt und man kann ihnen nicht vorspielen, dass alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist. Es gibt Dinge, da müssen sie durch, die müssen sie akzeptieren. Da gibt es keine Ausreden, kein Zurück und keine Lösung für. Allerdings ist das Leben eines Zweijährigen schon schwer genug. Gerade hat man gelernt, dass man eine eigenständige Person mit eigenem Willen ist und dann wird man ständig bevormundet.Ständig muss man das tun, was die Großen sagen. Man wird geweckt, obwohl man noch schlafen möchte, man muss frühstücken, obwohl man jetzt lieber spielen möchte, man muss angezogen werden, obwohl man jetzt doch Hunger hat, man muss Zähne putzen, was eigentlich immer blöd ist. Dann muss man in den Kindergarten, zur Kita oder zur Tagesmutter gehen, obwohl man lieber noch eine Weile in die Pfütze springen will. In diese darf man heute übrigens gar nicht springen, weil man sich heute früh durchgesetzt hat und die dünnen Stoffschuhe angezogen hat – gegen den Willen von Mama.


Am Nachmittag muss Mama/Papa einkaufen und man muss mit. Rein in den Sitz, anschnallen, fahren, abschnallen, rein ins Geschäft (Süßigkeiten und Spielsachen gibt es nicht), dann wieder in den Sitz, anschnallen, Auto fahren und abschnallen, raus aus dem Sitz und wo geht es jetzt hin?!

Das Leben eines Zweijährigen ist ziemlich schwer. Sie dürfen ziemlich wenig bestimmen und entscheiden.

Mein Kleiner hat genaue Vorstellungen von seiner Welt. In dieser Welt gibt es nur ganze Brötchen, ganze Kekse und ganze Bananen. Wenn das Brötchen durchgeschnitten wird, ist es kaputt. Wenn der Keks abgebrochen ist, ist er kaputt. Wenn die Banane beim Aufmachen bricht, ist sie kaputt. Leider ist der Keks auch kaputt, wenn mein Sohn selbst reingebissen hat… Das verhindert, dass er den Rest essen kann – kaputte Dinge kann er nicht essen. Das passt nicht in sein Weltbild. Da kann ich tun und machen was ich möchte. Dass muss er auch lernen: Wenn er in den Keks hinein beißt, dann fehlt ein Stück. In diesem Fall gibt es keinen neuen Keks.

Wir als Eltern wissen natürlich so ungefähr, was ihn zur Weißglut bringt und in welchen Situationen er einen Wutanfall bekommen wird. Diese Situationen versuchen wir zu umgehen. Es muss nicht sein, dass er sich über Dinge aufregt, die es nicht wert sind. Ich kann ihn ganz einfach fragen, ob ich sein Brötchen durchschneiden darf oder nicht. Ich kann ihn fragen, ob er diese Tasse oder jene Tasse haben möchte. So muss er sich nicht aufregen und die Bedürfnisse wurden gestillt – mir ist egal, welche Tasse er möchte. Lernen kann er auch nichts dabei, wenn er immer das nehmen muss, was man ihm vorsetzt, wenn immer über ihn bestimmt wird und er alles akzeptieren muss, was ein anderer sagt. Wir wollen doch alle eigenständige, selbstständige und selbstbewusste Kinder – und die lassen nun mal nicht (immer) über sich bestimmen. Die Kunst ist, die eigenen Bedürfnisse nicht über die des Kindes zu stellen und die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu berücksichtigen.

Aber nun zum Thema „zaubern“. Mein Mann kann das viel besser als ich und auch mein großer Sohn scheint Talent zu haben. Manchmal ist es nämlich nötig, dass man Fehler oder Situationen „wegzaubert“, also mit viel Fantasie wieder gerade biegt. Es passiert auch guten Eltern mal, dass sie, obwohl sie genau wissen, dass das Brötchen kaputt ist, wenn man es schneidet, es doch tun.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Das Kind muss damit leben, dass es so unaufmerksame Eltern hat. Sein Weltbild vom intakten Brötchen zerbricht und es weint, weil man dieses kaputte Brötchen nicht mehr essen kann. Die Eltern sind unglücklich, weil das Kind anstatt zu essen weint und brüllt.

2. Man zaubert.  Mein Mann nimmt also das Brötchen und fragt den todtraurigen Sohn, was man als „Kleber“ verwenden könnte und „klebt“ damit das Brötchen. Natürlich werden dazu Geräusche gemacht, die man sonst nur in einer Werkstatt hört. Wahlweise kann das Brötchen auch „geschraubt“ werden. Hierfür benötigt man z. B. Zahnstocher. Das funktioniert mit der richtigen Geschichte außen herum so gut wie immer.

So gibt es keinen Gewinner und keinen Verlierer, man muss nicht „den Willen brechen“, damit das Kind etwas lernt. Für viele Eltern geht es tatsächlich nur noch ums Gewinnen, sich Durchsetzen mit allen Mitteln und nicht um die Sache an sich. Nur keine Schwäche zeigen, nicht nachgeben, denn dann hat das Kind gewonnen.

Aber es reicht, wenn man sein Ziel erreicht und das geht auch so, dass beide glücklich sind. Es ist nicht die Hauptaufgabe eines Kindes das zu tun, was sich die Eltern gerade ausgedacht haben. Regeln sind wichtig um sich im Alltag zurecht zu finden, aber man kann dies auch schön, fantasiereich und vor allem auch nachvollziehbar umsetzen.

Ich habe noch ein schönes Beispiel. Söhnchen ist übermüdet, weil die Eltern ihn zu spät ins Bett gebracht haben. Er will jetzt seinen neuen Schlafanzug anziehen – der, der in der Nacht leuchtet. Das ist kein Problem – außer dieser ist gerade in der Wäsche. Wie gesagt, kann ich nicht so gut zaubern. Ich ziehe unserem Sohn also einen anderen schönen Schlafanzug an und versuche ihn zu überzeugen, dass dieser auch toll ist. Mein kleiner Sohn fragt nun: „Mama, leuchtet der auch im Dunkeln?“ Mir treten schon die Schweißperlen auf die Stirn, weil ich weiß, was nun passieren wird. Söhnchen wird traurig und weint und weint und weint und weint sich in den Schlaf. Unser großer Sohn kann aber zaubern. Er sagt: „Ja, der leuchtet auch im Dunkeln! Aber nachts ist er unsichtbar!“ Perfekte Antwort für einen übermüdeten Zweijährigen. Cooler geht es nämlich gar nicht, leuchtend und unsichtbar. Glücklich und zufrieden schläft er ein. Bedürfnis meines Sohnes ist gestillt und meines auch – ein glückliches, schlafendes Kind zu haben.

Ich habe auch das Bedürfnis, dass mein Sohn sich anzieht bzw. anziehen lässt, bevor wir nach draußen gehen. Im Schlafanzug ist es zwar gemütlich, aber straßentauglich ist das nicht. Natürlich kommt es auch vor, dass mein Sohn das Anziehen ebenfalls nicht als sein derzeitiges Bedürfnis betrachtet. Also überlegen wir, wie wir das zu seinem Bedürfnis machen können. Er liebt es Bauarbeiter oder Feuerwehrmann zu spielen. Ein Feuerwehrmann kann nicht den ganzen Tag im Schlafanzug herum laufen, wenn es nämlich einen Einsatz gibt, muss er sofort bereit sein! Man kann die Kleidung auch „Arbeitskleidung“ oder „Feuerwehrkleidung“ nennen, das hilft auch :).

Zähne putzen war auch immer ein großes Drama – wie bei vielen anderen Kindern auch. Wir haben mittlerweile eine gute Lösung gefunden. Im Mund meines Sohnes ist nämlich viel los! Meist ist es eine Katze, die oben im Baum sitzt und nicht mehr herunter kommt. Dann muss die Feuerwehr ausrücken, mit Tatütata und einem lieben Feuerwehrmann, die die Katze, mit Hilfe der Drehleiter, rettet. So macht Zähne putzen Spaß. Ich habe mein Bedürfnis, , dass mein Sohn seine Zähne putzt, durchgesetzt und er ist  glücklich. Was will man mehr?

Ich kann nicht erwarten, dass er mit 2 Jahren versteht, wie wichtig Zähne putzen ist und dass man dies regelmäßig tun muss. Wenn er nicht will, dann will er nicht. Dann helfen alle Argumente nichts. Ihn zu zwingen bezweckt nur, dass er das Zähne putzen noch mehr hasst. Diskutieren hilft auch nicht – mit logischen Argumenten kommt man in dem Alter nicht weit.

Einige Regeln sind nötig und einige Dinge müssen einfach gemacht werden. Das „wie“ ist aber entscheidend und kann so oft helfen Situationen gut zu lösen. Zur Zufriedenheit beider Parteien. Ohne, dass das Kind nun „gewonnen“ hat und seinen „Willen durchgesetzt“ hat oder im anderen Fall brüllend und tobend am Boden liegt, weil für das Kind tatsächlich eine Welt zusammen gebrochen ist.

Es gibt viele Lösungen, wie die Bedürfnisse von Eltern und Kind berücksichtigt werden können, ohne Verlierer. Kreativität ist gefragt, denn

„[…] was man voller Freude tut,
schmeckt uns wie Kuchen gut.
Ein Scherz, ein Spiel, dazu gehört nicht viel.
Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittre Medizin versüßt,
ja Medizin versüßt, Medizin versüßt,
Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittre Medizin versüßt,
rutscht sie gleich noch mal so gut.“

Wie ein Löffelchen voll Zucker… (Hier das Video)

Hier der 2. Teil 😉

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

2 Gedanken zu „Wenn ein Löffelchen voll Zucker…

  1. HERRLICH und obwohl das meiner Konzeption entspricht, hat mich dein Kommentar auch wieder wach gerüttelt, denn man verfällt doch leider viel zu schnell in die Rolle, etwas durchzusetzen, weil es eben sein muss. Und bei fünf Kinder fällt einem leider nicht immer etwas passendes ein 😉 Aber der Ansatz ist super!

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