Das echte Leben

Ich wurde diesmal von einem anderen Blog inspiriert. Es ging um Fremdbetreuung. Ein Kind, das daheim betreut wird, kann genauso viel lernen und verpasst auch nichts. Es ging um das „echte Leben“, den Alltag, die kleinen Wunder der Welt. Hier wurde mir wieder bewusst, wie toll doch mein Job ist. Ich erlebe all das mit den Kindern. All die wichtigen Dinge des Lebens.Mein großer (fast 5) geht in den Kindergarten. Die Tageskinder und ich bringen ihn jeden morgen hin und holen ihn auch ab. Heute haben wir auf dem Heimweg auf einem entfernten Hügel einen Bagger gesehen, der Bäume und Büsche ausreißt. Also haben wir spontan einen langen Spaziergang gemacht und haben uns den Bagger angeschaut. Einer Mutter habe ich telefonisch mitgeteilt, dass sie ihr Kind heute zu uns zum Spielplatz (auf dem Weg) bringen darf.


Auf dem Weg dort hin sind wir an einem tollen Kletterbaum vorbeigekommen (hier haben wir auch unser 4. Kind getroffen). Die Kinder durften ihn natürlich beklettern. Als die Kinder doch weiter zum Bagger wollten, haben wir eine Frau mit ihrem Hund getroffen. Die Kinder durften für ihn Stöckchen werfen und ihn streicheln. Als wir dann endlich beim Bagger waren, waren die Kinder die ersten 10 Minuten damit beschäftigt ihn genau zu beobachten. Danach haben sie sich umgeschaut und festgestellt, dass der Bagger nicht gründlich gearbeitet hat. Es lagen noch einzelne Äste auf dem Boden, die nicht auf einem Haufen lagen. Also haben die Kinder mit angepackt und die Äste zu einem „Lagerfeuer“ aufgebaut.

Das alles konnten wir erleben, weil niemand auf uns gewartet hat und wir uns völlig auf das konzentrieren konnten, was jetzt gerade wichtig für die Kinder ist. Da ich nur eine Handvoll Kinder betreue, war es auch kein Problem der Mutter Bescheid zu sagen, dass sie ihr Kind bitte direkt dort hin bringt. Unkompliziert, spontan, flexibel.

Auf dem Heimweg sind wir dann an der Straße entlang gelaufen. Die Kinder lernen, wie man sich im Straßenverkehr verhält, weil wir das täglich üben. Wir sind täglich draußen und erleben das Leben. Wir gehen zusammen einkaufen, bei uns klingelt der Postbote oder ein Nachbar, die Kinder spielen draußen schon mit Nachbarskindern, sie kennen den Fußgängerweg und die Leute, die dort wohnen. Die Nachbarn kennen die Kinder mit Namen. Sie kennen den Weg zum Einkaufen, zum Spielplatz und vieles mehr. Sie verpassen nichts, weil sie nicht in einer Kita sind.

Ich bin Erzieherin und trotzdem, wie die Autorin des Blogs, der Meinung, dass Kleinkinder keine Fremdbetreuung brauchen. Sie entwickeln sich auch ohne Kita gesund und normal, wenn sie aufmerksame, liebevolle Eltern haben, die ihnen die Welt zeigen.

Eine Betreuung bei einer „normalen“ Tagesmutter (Kindertagespflegeperson) ist nicht wie in einer Kita. Es ist eher wie ein Stück Familie. Die Kinder lernen genauso viel, werden genauso gefördert, haben ihren strukturierten Tagesablauf und ihre sozialen Kontakte. Sie haben aber auch das „echte Leben“. Eine Kindertagespflegeperson hat die Möglichkeit spontan zu sein und individuell zu handeln.

Ich kann die Kinder (relativ) spontan in ein Auto setzen und zum Bauernhof fahren. Im Sommer fahren wir gerne zu einem kleinen Bach mit Sandstrand und bauen Sandburgen. Ein Ausflug in den Wald ist kein Problem – unser Auto und die Sitze stehen bereit. Ein Tageskind wünscht sich Gurke zum Frühstück – kein Problem, wir gehen kurz einkaufen und besorgen eine. Die Kinder wollen die Oma von meinen Jungs besuchen – innerhalb von 10 Minuten sind wir dort. Die Kinder wollen Schnecken sehen – wir gehen eine Runde spazieren und suchen welche. Es fängt an zu regnen – wir schlüpfen in die Regensachen und rennen nach draußen und springen in jede Pfütze!

Baum klettern                                           Pfütze

Gestern hat mir eine übermüdete Mama ihr Baby in die Arme gedrückt und gesagt, dass der Kleine in der Nacht 4 Stunden wach war. Die ganze Familie hatte zu wenig Schlaf. Also habe ich der Familie angeboten, dass der Kleine heute 2 Stunden länger bleiben kann, damit sich die Eltern ausruhen können. Ich tue das, weil ich genau weiß, dass die Familie mir auch einen Gefallen tun würde, wenn ich ihn brauche und das nie ausnutzen würden. Ich kann so handeln, weil ich nur auf die Kinder Rücksicht nehmen muss und nicht auf Abholzeiten, Kollegen, ein derzeitiges Projekt, gezielte pädagogische Angebote, die zu festen Zeiten stattfinden oder auf das Konzept der Einrichtung. Ich kann das machen, was die Kinder brauchen und was gut für sie und passt mein Konzept nicht, dann passe ich es an.

Ich kann für die Familien und die Kinder da sein und den Kindern ein paar schöne Jahre ermöglichen. Jahre, in denen die Kleinen so schnell lernen werden, wie es nie wieder der Fall sein wird. Jahre, in denen sie krabbeln, laufen, sprechen und singen lernen. Jahre, in denen sie zu kleinen selbstständigen Menschen werden und die Welt entdecken wollen. Ich darf diese Jahre begleiten und kann dies individuell tun. Deshalb liebe ich diese Arbeit und kämpfe darum, dass ich sie noch viele Jahre weiter ausführen kann.

 

 

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

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