Unser Jugendamt und das Blaue vom Himmel

Unser Jugendamt ist u. a.  zuständig für die Vermittlung, die fachliche Beratung, die Begleitung und die Qualifizierung der Kindertagespflegepersonen. So weit so gut. Ich habe als Kindertagespflegeperson keinen Anspruch darauf auch tatsächlich vom Jugendamt vermittelt zu werden. Der Anspruch gilt laut dem Würzburger Richter für die Eltern. Diese haben den Anspruch eine Kindertagespflegeperson vermittelt zu bekommen. Und natürlich haben sie auch das Wunsch- und Wahlrecht. Aber unser Jugendamt überrascht mich immer wieder.Diesmal haben sie eine Tagesmutter vermittelt. Die Eltern finden sie auch ganz toll, sie wohnt im selben Stadtviertel. Problem ist nur, dass die Eltern nicht nach einer Vermittlung gefragt haben und dass sie bereits mit einer anderen Kindertagespflegeperson (nämlich mir) einen Vertrag geschlossen hatten. Das bereits vor Monaten. Dieser Vertrag lag auch bereits seit August unterschrieben von den Eltern und mir beim Jugendamt. Nun habe ich 2 Wochen vor Betreuungsbeginn die Kündigung der Eltern per Whats App bekommen. Die Eltern schreiben, dass ihnen eine andere Tagesmutter vom Jugendamt vermittelt worden sei. Ich war natürlich sehr überrascht. Ich dachte nämlich, dass das Jugendamt dafür da ist, uns zur Seite zu stehen, sich für uns einzusetzen und die Kindertagespflege zu fördern. Stattdessen versuchen sie nun zum 2. mal mir keine Kinder mehr zu fördern. Sie haben es bereits das 2. mal geschafft. Die ersten Eltern haben ihnen geglaubt, dass eine Förderung von einem Stadtkind bei einer Landkreistagesmutter nicht möglich ist oder dass es sehr schwierig werden wird. Und Schwierigkeiten will niemand. Ich hatte also zum 2. mal den Fall, dass unser Jugendamt es mir nicht ermöglicht Kinder zu betreuen. Ich bin nett und freundlich, aber leider verklage ich gerade die Stadt und anscheinend nehmen sie mir das übel.


(1) Die Leistungsberechtigten haben das Recht, zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger zu wählen und Wünsche hinsichtlich der Gestaltung der Hilfe zu äußern. Sie sind auf dieses Recht hinzuweisen.

(2) Der Wahl und den Wünschen soll entsprochen werden, sofern dies nicht mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden ist. Wünscht der Leistungsberechtigte die Erbringung einer in § 78a genannten Leistung in einer Einrichtung, mit deren Träger keine Vereinbarungen nach § 78b bestehen, so soll der Wahl nur entsprochen werden, wenn die Erbringung der Leistung in dieser Einrichtung im Einzelfall oder nach Maßgabe des Hilfeplanes (§ 36) geboten ist.

Also bekommt jede Kindertagespflegeperson aus dem Landkreis Stadtkinder gefördert, wenn sie und die Eltern das möchten – nur ich nicht.

Und hier wären wir beim Thema Geld. Wenn eine Familie 2 Wochen vor Betreuungsbeginn kündigt, ist das ein finanzielles Problem. Es dauert durchschnittlich 3 Monate bis eine Kindertagespflegeperson ein neues Kind findet, das sie betreuen kann. Die Kündigungsfrist vom Jugendamt sind maximal 2 Monate, allerdings nur, wenn das Jugendamt den Betreuungsvertrag auch unterschreibt. In meinem Fall habe ich also Pech gehabt (wenn der private Vertrag nicht wäre). Ich hatte mit 450 Euro im Monat für dieses Kind gerechnet. Das Geld war fest eingeplant, der Vertrag war ja unterschrieben.

Nun kann natürlich jeder sagen: „Du bist ja selbstständig, das ist dein Problem!“. Ich sage: „Nein, ist es nicht!“. Ich kann für solche Fälle nicht vorsorgen, nicht mit 2,25 Euro pro Stunde und Kind (+ Sachkosten). Ich habe keine Möglichkeit zusätzliches Geld von den Eltern zu nehmen. Eine Rücklagenbildung ist nicht möglich.

Natürlich bin ich kein Jurist, aber ich fühle mich sehr in meinem Grundrecht eingeschränkt.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

SGB VIII § 23 Förderung in Kindertagespflege

(1) Die Förderung in Kindertagespflege nach Maßgabe von § 24 umfasst die Vermittlung des Kindes zu einer geeigneten Tagespflegeperson, soweit diese nicht von der erziehungsberechtigten Person nachgewiesen wird, deren fachliche Beratung, Begleitung und weitere Qualifizierung sowie die Gewährung einer laufenden Geldleistung an die Tagespflegeperson. […]

(4) Erziehungsberechtigte und Tagespflegepersonen haben Anspruch auf Beratung in allen Fragen der Kindertagespflege.

Das Jugendamt hat das Recht zu entscheiden ob ein Kind auch außerhalb des zuständigen Gebietes gefördert wird. Es hat das Recht zu sagen, dass zuerst alle Betreuungsplätze im eigenen Gebiet besetzt werden sollen. Aber meiner Auffassung ist es sehr ungerecht, wenn unterschiedlich entschieden wird, wenn z. B. meine Kollegin, die 2 Straßen weiter wohnt, Stadtkinder ohne Probleme betreuen darf und ich nicht.

Als zweites Problem mit den Jugendämtern kommt hinzu, dass sie sich anscheinend nicht wirklich mit dem finanziellen Aspekt auskennen. Mir liegt eine Rechnung des Jugendamtes der Stadt an den bayerischen Verwaltungsgerichtshof vor, in der mir vorgerechnet wird, dass ich eine NETTO von 1800 Euro habe. Dieses Netto kommt zustande, wenn ich, wie mir das Jugendamt vorrechnet, nur 100 Euro Betriebskosten im Monat habe und ein Kind für höchstens 1,50 Euro im Monat isst. Außerdem darf ich pro Jahr zusammen ca. 700 Euro an RV und KV zahlen und keine Steuern. Ungefähr dann habe ich ein Netto von 1800 – genau wie eine Erzieherin, wie hier verglichen wird.

Wenn ich mir diese Rechnung anschaue, frage ich mich, ob die Dame vom Jugendamt das tatsächlich denkt, oder ob sie den Richter veräppeln will. Ich zahle im Jahr ca. 2000 Euro an Steuern und ca. 4000 Euro an RV und KV. Außerdem habe ich pro Monat ca. 800 Euro an Betriebskosten (für die derzeit betreuten Kinder). Von einem Netto von 1800 Euro im Monat bin ich weit entfernt.

Allerdings kann es auch sein, dass unser Jugendamt tatsächlich denkt, dass ich ein Netto  von 1800 Euro habe. Das würde für einen Angestellten auch gut reichen (naja, wenn wir bedenken, dass man im sozialen Bereich nicht viel mehr bekommen kann).  Ich habe dem Jugendamt mal vorgerechnet, dass ich ca. 5,72 Euro pro Kind und Stunde an Tagespflegeentgelt brauche um auf ein Netto von 1800 Euro zu kommen.

Mir ist durchaus bewusst, dass ich dies öffentlich schreibe und unsere Damen und Herren vom Jugendamt dies lesen können. Ich habe auch lange überlegt, ob das richtig ist, aber da die Stadt mir sowieso keine Kinder mehr genehmigt, kann ich nichts verlieren. Vielleicht erreiche ich ja ein bisschen Verständnis der Lage. Ich möchte dem Jugendamt der Stadt Würzburg nicht vorwerfen, dass sie bewusst lügen und dem Gericht das Blaue vom Himmel erzählen, aber die Aussagen entsprechen nicht der Wahrheit. Ob bewusst oder unbewusst, es ist einfach falsch.

Außerdem möchte ich betonen, dass das Jugendamt vom Landkreis Würzburg weiterhin Kinder, die von mir betreut werden sollen, fördert und dass mich die Mitarbeiter fair und freundlich behandeln, ich werde nicht benachteiligt. Sicher hat das Jugendamt der Stadt auch Vorteile. Und irgendwann werde ich die hoffentlich auch wieder sehen.

Natürlich haben wir das in unsere Berufungsbegründung geschrieben. Leider wissen wir immer noch nicht, ob eine Berufung zugelassen wird. Eure Daumen sind also gefragt!

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

2 Gedanken zu „Unser Jugendamt und das Blaue vom Himmel

  1. Hallo Jenny, dieses Problem kenn ich .Habe schon sehr viele Eltern zum Jugendamt zwecks Förderung geschickt und sie wurden dann wo anders hin vermittelt.Die Eltern geben mir meistens ein Feedback. Aber bestehen die Eltern auf einen Betreuungsplatz bei mir, dann bekommen sie ihn auch.Es liegt in erster Linie an den Eltern, wenn sie stark genug sind und sich sicher sind, das ist der richtige Platz für uns.
    Ich kläre die Eltern auch auf, dass sie ein Wahlrecht haben.Bitten sie mich um Unterstützung beim Jugendamt und ich habe das Gefühl , die Chemie stimmt, reicht ein Anruf von mir.Haben die Eltern dich nicht persönlich kontaktiert, dann ist der andere Platz vom Jugendamt für sie offensichtlich okay.
    Ansonsten ist unser Jugendamt auch sehr sensibel und sie wollen ein Mitspracherecht
    haben.Durch die Förderung ist es ja auch verständlich.Privatvertrag ist natürlich alles einfacher, aber das können sich bei uns in
    Thüringen nur wenige Eltern leisten.Man muss halt immer ein bisschen diplomatisch agieren,
    denn unterm Strich sind wir alle auf das Jugendamt angewiesen.Wünsch dir weiterhin viel Glück und auf ein Gutes 2016🍀👍😊

    1. Bitte,das Jugendamt ist eine Dienstelle der Stadtverwaltung,weisungsgebunden hinsichtlich der Anweisung ihres obersten Dienstherren ,des Bürgermeisters.
      Die Verwaltung,also auch die Mitarbeiter des Jugendamtes, hat die Aufgabe im Sinne von Recht und Gerechtigkeit zum Wohle der Bürger,also auch der Tagespflegepersonen,zu agieren.
      Hat man den Eindruck,dass man in seinen Rechten beschnitten wird,sollte man sich nicht zuletzt an den obersten Dienstherrn wenden oder in weiterer Instanz die Justiz einschalten und nicht in typisch deutschem vorauseilendem Gehorsam Sachverhalte als gegeben annehmen,“weil wir doch alle vom Jugendamt abhängig „sind.
      Grad in diesen Tagen werden wir immer wieder darauf hingewiesen, die Fahne der Demokratie hochzuhalten.Bitte,dann tut das auch und folgt dem unerschrockenen Beispiel von Jenny!!!!

Kommentare sind geschlossen.