Wir sind Vorbild

Eigentlich wollte ich heute etwas ganz anderes schreiben. Ich höre gerade „Ich schaff das schon“ von Rolf Zuckowski. Ja, ich höre die Lieder immer noch gerne. Viele Lieder haben mich mein ganzes Leben begleitet, mir Mut gemacht und mich geprägt. „Ich brauche dazu, ich brauch dazu vielleicht ’ne Menge Kraft. Doch ich hab immerhin schon ganz was anderes geschafft“. Oh ja, das habe ich. Ich habe die Fachakademie für Sozialpädagogik hinter mich gebracht – mit die schlimmsten Jahre meines Lebens. Und das lag an den zukünftigen Erziehern – den Leuten, die jetzt auf unsere Kinder aufpassen.„Am liebsten wär sie abgehaun, und viel hat nicht gefehlt.“ Von heute auf morgen haben sich meine damaligen Freundinnen, ohne für mich erklärbaren Grund, völlig verändert. Sie waren nun nicht mehr meine Freundinnen und haben mich zutiefst verletzt und gemobbt. Das zu schreiben fällt mir schwerer als gedacht. Mittlerweile bin ich so viel älter und hätte sicher anders gehandelt. Aber damals konnte ich nicht anders als mich zurück zu ziehen. Ich habe Schule geschwänzt, so oft es ging, ich wollte nicht mit auf Klassenfahrt und habe kein Wort mit niemanden gesprochen – 2 Jahre lang. In den Pausen war ich allein. Ich habe mich nicht gemeldet und Gruppenarbeiten waren äußerst schwierig. Besonders schlimm waren die täglichen Reflexionsrunden „wie war der Tag heute für dich?“ – „schlimm“, „erniedrigend“, „kaum auszuhalten“ konnte ich nicht sagen, sonst hätte sich die Reflexionsrunde ins Unendliche gezogen und hätte meine Situation nur verschlimmert. Von Seiten der Lehrer kam nichts Konstruktives.


Meine mündlichen Noten waren dementsprechend schlecht und die schriftlichen, auf Grund der Fehlzeiten, auch nicht die Besten. Trotzdem habe ich mich entschieden die 2 Jahre noch durchzuziehen. Ich habe die Arbeit mit den Kindern geliebt, das war das, was ich tun wollte. In der Schule neben Leuten sitzen, die mich wie Abschaum behandelten, wollte ich nicht. Ich hatte also in den schulischen Fächern einen Schnitt von 3,4 und in der Praxis eine 1,5. (Falls eure Kinder in so einer Situation sind: Helft ihnen!)

Mittlerweile bin ich nicht mehr das junge Mädchen, das das mit sich machen lässt. Ich bin gerade dabei die Jugendämter unserer Stadt zu verklagen, ich habe mich getraut für einen Beitrag im Fernsehen gefilmt zu werden und ich setze mich für die Kindertagespflege ein. Das ist zum Glück Vergangenheit und hat mich um einiges stärker gemacht. Ich habe all die Jahre die Energie gesammelt und die brauche ich nun :).

Was mich aber wirklich beschäftigt ist, was ist aus diesen Leuten geworden? Die Leute sind nun Erzieher und Sozialpädagogen. Ich weiß nicht, was sie die 5 Jahre in unserer Ausbildung gelernt haben, aber sicher nicht das, was ich nun weiß. Diejenigen, die die guten Noten in der Schule hatten, sind nicht unbedingt die, die für den Job geeignet sind. Genau diese Damen könnten nun im Kindergarten auf meine Kinder aufpassen und ihnen die Werte vermitteln, die sie damals gelernt haben. Sie könnten im Jugendamt sitzen und über mich als Tagesmutter entscheiden. Sie sollen vermitteln, dass man andere Kinder nicht ärgert und dass jeder gleich viel Wert ist, dass Mobbing etwas Schlimmes ist und dass man sich immer an die Lehrer wenden kann. Eine schlimme Vorstellung.

Viele von euch durfte ich kennen lernen und ich bin mir sicher, dass die meisten von euch ihre Arbeit gut machen. Liebe Kollegen, egal, welche Note ihr in der Schule hattet, egal, wie viel ihr gelernt habt, das Wichtige in der Arbeit mit Kindern ist die Persönlichkeit. Das ist das, was wir durchgehend vermitteln. Wir vermitteln nicht durchgehend Wissen und veranstalten pädagogische Angebote. Wir sind aber durchgehend wir. Die Kinder lernen am Vorbild und das sind wir! Wir müssen ihnen zeigen, was ein guter Mensch macht, wie er handelt und wie er mit anderen umgeht. Wir leben vor, was richtig und was falsch ist, was Nächstenliebe ist und was Mitgefühl ist. Wir verbringen bis zu 10 Stunden am Tag mit den Kindern. Wir müssen ihnen das beibringen! Wir müssen ihnen Menschlichkeit vermitteln. Wir dürfen nicht ärgern, mobben oder sonstiges Verhalten zeigen, dass wir nicht von den Kindern sehen wollen. Nur wenn wir und die Eltern unsere Arbeit richtig machen, können aus den Kindern glückliche und faire Erwachsene werden. Wenn wir ihnen Fremdenhass, Ausländerfeindlichkeit, Ausgrenzung von Menschen, Mobbing, Gewalt und vieles mehr vorleben, haben wir etwas falsch gemacht und haben in diesem Beruf nichts verloren. Wir sind dafür da aus den Kindern selbstbewusste Erwachsene zu machen, die auch in Zukunft für andere da sein wollen, einander helfen wollen, die gerne teilen, die Mitgefühl haben, die Verständnis zeigen, die gerecht handeln können, die auch mal Fehler machen dürfen, die Vertrauen haben können, die den Mut haben Neues auszuprobieren und die Spaß am Leben haben. Eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, die man nicht durch gute Noten in der Schule erreicht.

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

Ein Gedanke zu „Wir sind Vorbild

  1. Ich mag dieses Lied von Rolf Zuchowski und seine anderen Lieder auch total gerne. Und für die mit größeren Kindern empfehle ich “ Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden“ von Udo Jürgens, in dem die große Tochter „ihren Leuchtturm anderswo aufstellt“. Und zum Rest: Egal welcher Beruf – am besten sollten ihn nur die machen, die sich wirklich dafür eignen.

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