Einfach nur Kind sein – ohne Kindergarten

Hier im Blog war es die letzten Wochen ziemlich ruhig. Bei uns zu Hause aber nicht. Hier war Action angesagt. Wir hatten eine Großbaustelle im Garten. Ein Traum eines jeden Kindes und der Alptraum einer jeden Mutter. 5 Wochen lang hatten wir täglich Bagger, Radlader, Muldenkipper und Bauarbeiter am und im Haus. 5 Wochen hat mein großer Sohn den Kindergarten geschwänzt. Und das, obwohl er ein schüchterner, zurückhaltender Junge ist, der sich sicher wieder etwas schwerer tun wird, wieder täglich in den Kindergarten zu gehen. Ich glaube, er hat in diesen Wochen so viel gelernt wie nie zuvor. Er war einfach nur Kind.Ab Montag fängt der Ernst des Lebens wieder an. Die Bagger wurden gestern abgeholt. Sogar ich bin etwas wehmütig. Ich muss meinen Sohn frühs wieder wecken, muss ihn antreiben, dass er isst, dass er sich anzieht, dass er Zähne putzt, dass er aufhört zu spielen und in den Kindergarten geht. Ich halte den Kindergarten für Kinder ab 3 Jahren für sinnvoll. Dort sind alle seine Freunde. Während der Baustelle durfte er aber ausschlafen, konnte bis mittags im Schlafanzug bleiben oder gleich früh um 6 seine Bauarbeiterhose anziehen und konnte einfach nur Kind sein. Er durfte stundenlang im Dreck spielen (auch mal im Schlafanzug ;)) und stundenlang den Bauarbeitern zuschauen und natürlich auch helfen und Bagger fahren. Wir haben den Kindergarten in keiner Sekunde vermisst.


Arbeiten mit Papa Arbeiten mit Nachbarskinder

Sobald die Bauarbeiter am Abend weg waren, war mein Sohn mitten „im Loch“ wie er sagt. Unser Vorgarten wurde Bodenplattentief ausgegraben. Das „Loch“ war also ca. 16 m lang, 3 m breit und 3 m tief. Dort hat er gegraben, Steine gesucht, diese herum getragen und Papas Werkzeug benutzt. Teilweise war sein kleiner Bruder dabei, der natürlich genauso viel Spaß hatte. Das „Loch“ war nur über eine Leiter zu erreichen. Beide Jungs konnten das auf Anhieb prima (sie sind 2,5 und 4,5 Jahre alt). Der Boden war uneben, steinig und man musste viel klettern. Eine super Übung um die Motorik zu schulen. Meine Kinder haben selbstständig Nägel in Bretter geschlagen und Türme mit Steinen gebaut (Feinmotorik). Sie haben in der Erde gegraben, Betonklötze weggeschafft, Styropor getragen, Holzdielen als Brücke benutzt und noch vieles mehr (Materialerfahrung). Sie waren phantasievoll und haben ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. Sie waren Bauarbeiter, Urlauber und einfach nur Kinder, die gespielt haben. Ich habe ihnen sehr viel Freiraum gelassen. Sie durften Werkzeug benutzten, sie durften die Leiter hoch und runter, sie durften durch die Fensteröffnungen klettern, sie durften sich dreckig machen und das waren sie :). Abends musste ich sie „zwingen“ ins Haus zu kommen. Mein großer Sohn hat am Anfang kein Wort mit den fremden Arbeitern gesprochen. Aber schon nach kurzer Zeit hat er sich getraut zu fragen, ob er helfen darf oder was sie gerade machen. Er ist sehr viel selbstbewusster geworden. Er traut sich mehr zu, weil wer weiß, er kann das.

Am Wochenende waren alle Nachbarskinder da und haben „geholfen“. Die älteren Kinder durften mit Gehörschutz auch mal mit meinem Mann mit dem Stemmhammer arbeiten, die kleinen durften Steine wegtragen und graben. Die Kinder waren stundenlang bei uns, keiner hat den Kindergarten oder die Schule vermisst. Gelernt haben sie fürs Leben.

Ich wurde häufig vorsichtig gefragt, ob meine Kinder das alleine dürfen. Ja, das dürfen sie. Ich vertraue ihnen. Sie können viel, weil sie viel dürfen. Sie dürfen ihre Grenzen austesten, sie dürfen Sachen probieren und sie dürfen auch Fehler machen.

„Leider“ haben meine Kinder jetzt gelernt mit Werkzeug umzugehen. Sie gehen in den Keller, holen sich Schraubenzieher und legen Möbel auseinander oder sie schrauben das Batteriefach des nervenden Feuerwehrautos auf um die Batterien zu wechseln. Oder mein Sohn markiert im Keller die Wand und versucht diese dann mit Hammer und Meißel wegzumeißeln… Er hat wahnsinnig viele neue Wörter und Begriffe gelernt und viele neue Fertigkeiten. Seine Freunde hat er unter der Woche nicht vermisst. Den Kindergarten auch nicht. Wir werden alle diese Zeit vermissen. Ganz ohne Zwang und ohne Müssen. Dafür viel erleben, lang wach bleiben und den ganzen Tag draußen sein.

Was die Tageskinder alles erlebt haben, erzähle ich euch bald :).

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

Ein Gedanke zu „Einfach nur Kind sein – ohne Kindergarten

  1. ein ganz ganz toller Post 😀
    und Deine Söhne sind für diese unglaublich tolle Zeit einfach zu beneiden.
    Denn das was Deine Kinder erleben durften in dieser Zeit ist heutzutage schier „unmöglich“, und war zu meiner Kindheit vor „25 Jahren“ auf dem Dorf völlig normal.

    liebe grüße Manuela

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