Warum wir auch Grund zum Streiken haben

Überall hört man nur, dass Angestellte streiken. Die Bahn streikt, die Kaufland-Mitarbeiter streiken, die Post streikt und natürlich die Erzieher. Keine Frage, wer in Deutschland einen 40 Stunden-Job ausübt, sollte davon leben können ohne zusätzliche Hilfe vom Amt in Anspruch nehmen zu müssen. Aber ist ein Bruttogehalt (Anfangsgehalt) von 2366 Euro tatsächlich angemessen für so eine wertvolle Arbeit? Netto sind das nur 1518,88 €. Zur Erinnerung, wir Fachkräfte für Kindertagespflege führen (ziemlich) die gleiche wertvolle Arbeit aus und das für ein vergleichbares Brutto von (in Würzburg) höchstens 1950 Euro.


1. Grund, warum wir streiken müssten: Unser Tagespflegeentgelt

Unser Steuerpflichtiges Einkommen in Würzburg beträgt, bei 5 Vollzeit betreuten Kindern 1950 Euro. Davon müssen noch die Sozialversicherungen, Steuern und die Rücklagen für Selbstständige abgezogen werden. Es bleibt also sehr wenig übrig.

Außerdem können einige von uns froh sein, dieses Geld tatsächlich monatlich und auch noch pünktlich zu erhalten. Nicht mal das ist selbstverständlich.

2. Grund, warum wir streiken müssten: Wir brauchen eine verlässliche Krankheitsvertretung

Jede Kindertagespflegeperson muss eine Vertretung haben, die vom Jugendamt organisiert und bezahlt wird. Es gibt einige Systeme, wie diese Vertretung gestaltet kann und einige werden bereits erfolgreich umgesetzt, wie hier in Würzburg.

3. Grund, warum wir streiken müssten: Übernahme von hälftigen Versicherungsbeiträgen

Einige Jugendämter übernehmen die tatsächlichen hälftigen Kosten bereits, aber ich höre ständig, dass Kindertagespflegepersonen diese einklagen müssen. Im Gesetz steht ganz deutlich „die hälftige Erstattung nachgewiesener Aufwendungen zu einer angemessenen Krankenversicherung und Pflegeversicherung.“  Natürlich muss hier geklärt werden, was angemessen ist. Aber Versicherungskosten, die durch die Tätigkeit als Kindertagespflegeperson, die ausschließlich über das Jugendamt arbeitet, entstehen, sind es allemal.

4. Grund, warum wir streiken müssten: Hohe Anforderungen an uns – wenig Anerkennung

Dass wir Kindertagespflegepersonen keine kaffeetrinkenden, Tv-schauenden Hausfrauen sind, die neben ihren eigenen Kindern die Nachbarskinder mitbetreuen, müsste mittlerweile allen klar sein.

Wir haben einen Bildungsauftrag zu erfüllen und haben eine Grundausbildung von mind. 160 Stunden. Wir bilden uns jährlich fort und ein Großteil von uns möchte gerne von dem verdienten Geld leben können. Deshalb ist es nötig einen guten Ruf aufzubauen um weitere Anfragen zu bekommen. Wir müssen uns stetig Mühe geben, wir müssen stetig Öffentlichkeitsarbeit leisten und uns präsentieren und das positiv. Wir müssen Werbung für uns machen und das macht man nicht, indem man die Kinder spielen lässt, während man TV schaut. Wir beobachten die Kinder, wir dokumentieren, wir gestalten Portfolios, wir führen Elterngespräche, wir erkennen den Entwicklungsstand der Kinder und fördern sie dementsprechend. Das alles und noch viel mehr wird von uns erwartet – sei es vom Jugendamt, von den Eltern oder einfach von der Gesellschaft bzw. von uns um ein gleichrangiges Betreuungsangebot zur Krippe bieten zu können.

5. Grund, warum wir streiken müssten: Anforderungen an unsere Räumlichkeiten/Ausstattung

Letzte Woche musste ich eine Aussage einer Tagespflegeperson zweimal lesen, weil ich es nicht glauben konnte. Da wurde doch tatsächlich angezweifelt, ob sie Kinder gut betreuen kann, weil sie so unglaublich dreist ist und einen PVC-Boden als Bodenbelag hat. Wir betreuen doch familiennah und das normalerweise in unseren Räumlichkeiten. Müssen wir bereits beim Hausbau das Jugendamt fragen, welcher Fußbodenbelag gerade aktuell gut für Kinder ist?

Die Anforderungen steigen in manchen Kommunen drastisch. Es gibt Vorschriften bei der qm-Zahl pro Kind, bei den Stufen, die gestiegen werden dürfen, bei den Möbeln, die ein Tüv-Siegel brauchen, bei den Pflanzen im Garten und noch vieles mehr.

Es gibt auch die Vorschrift von manchen Kommunen, dass eine Tagespflegeperson einen Sitzplatz im Wagen für jedes Kind braucht, weil es verboten ist, dass die Kinder (an der Straße) laufen. Oder die Pflegeerlaubnis wird verwährt, weil die Toilette im 1. Stock ist und die Kinder aber im Erdgeschoss betreut werden.

Es gibt auch Listen, bzw. Empfehlungen, welches Spielzeug für die Kinder vorhanden sein sollte und welches immer in Reichweite der Kinder aufbewahrt werden muss.

Unglaublicherweise hat meine Schwiegermutter es tatsächlich geschafft 5 eigene Kinder zu betreuen ohne auch nur eine Regel des Jugendamtes zu befolgen.

6. Grund, warum wir streiken müssten: Sind wir noch selbstständig?

Schon sind wir beim Thema Selbstständigkeit. Sind wir überhaupt noch Selbstständig bei so vielen Vorschriften? Wir in Würzburg müssen eine Betreuungsvereinbarung unterschreiben, die uns sehr viel vorschreibt. Ohne diese Unterschrift gibt es kein Geld.

Woanders wird bestimmt, wie viele Urlaubstage die Fachkraft für Kindertagespflege nehmen darf und zu welchen Zeiten sie arbeiten muss oder es werden Kinder zugewiesen, die man betreuen sollte.

Nicht zu vergessen: Die Zuzahlungen. Wir dürfen hier in Würzburg kein zusätzliches Geld von den Eltern nehmen. Ich sehe dadurch meine Selbstständigkeit sehr eingeschränkt, auch wenn ich eigentlich erwarte von der Kommune genug Geld zu bekommen, dass ich davon leben kann. Außerdem kosten hier die Krippen zum Teil mehr als wir Kindertagespflegepersonen. Am 2.7.15 ist die Verhandlung bzgl. der Zuzahlungen in Würzburg…

In manchen Kommunen wird tatsächlich geprüft, ob eine Scheinselbstständigkeit vorliegt. Immerhin haben wir so etwas wie einen Arbeitgeber, über den sämtliche Geldangelegenheiten laufen, der uns die Kundschaft vermittelt und der allgemein sehr viele Regeln für uns aufstellt.

6. Grund, warum wir streiken müssten: Vermittlung?

Die Aufgabe des Jugendamtes ist die Vermittlung des Kindes.

„Die Förderung in Kindertagespflege nach Maßgabe von § 24 umfasst die Vermittlung des Kindes zu einer geeigneten Tagespflegeperson“

Ich arbeite seit 2011 als Kindertagespflegeperson und durfte bisher kein Kind betreuen, das über das Jugendamt vermittelt worden ist. Tatsächlich hatte ich eine Anfrage, die über das Jugendamt lief. Derzeit werde ich als Kindertagespflegeperson gar nicht mehr vermittelt, weil das Jugendamt der Meinung ist, dass ich noch Zuzahlungen nehme. Davon steht allerdings auch nichts im Gesetz, dass nur gewisse Kindertagespflegepersonen weiter vermittelt werden.

Bekommt ihr Kinder über das Jugendamt vermittelt?

7. Grund, warum wir streiken müssten: Bevorzugung der Kitas

Teilweise ist es sogar so, dass den Eltern geraten wird ihr Kind in einer Kindertagesstätte betreuen zu lassen. Ich habe sogar schon gehört, dass Kindertagespflegepersonen verleugnet wurden – die gibt es bei uns nicht.

In den Medien werden wir Kindertagespflegepersonen häufig schlicht einfach vergessen. Hier ist wieder Öffentlichkeitsarbeit angesagt. 🙂

Diese Liste ist längst nicht abschließend – ich bitte euch, eure Meinungen zu ergänzen.

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

2 Gedanken zu „Warum wir auch Grund zum Streiken haben

  1. Ich bin seit 8 Jahren Tagesmutter mit leib und sehle. Doch so schlecht wie jetzt stand es noch nie um uns Tagesmütter. Die Schulen bauen die Betreuung aus. Und haben vorrang vor der Tagesmutter. Die Kindergärten bauen aus und haben vorrang.Für uns bleiben da nur noch die Randzeiten die keiner will für viel zu wenig Geld. Wenn wir streiken dann müssen wir mit mindestens 2 Monaten kein Geld rechen und den Entzug der Pflegeerlaubniss. Das soll alles gerecht sein. Da überlegt man sich auf zu hören.

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