Eingewöhnung – aus der Sicht der Betreuungsperson

Wenn die Kinder so eine eingeschworene Gruppe geworden sind, wie auf dem Foto zu sehen ist, dann hat man alles richtig gemacht.


Für die Kindertagespflegepersonen wie auch für die Erzieher in den Einrichtungen ist die Eingewöhnung eine anstrengende Zeit. Sie müssen gleichzeitig für die vorhandene Gruppe da sein und auch für das neue Kind und seine Mutter oder seinen Vater. Die Fachkraft für Kindertagespflege muss nun alles tun um möglichst schnell eine möglichst gute Bindung zu dem Kind aufzubauen – natürlich immer unter den wachsamen Augen des Elternteils.

Und die Eltern schauen genau hin. Sie müssen die neue Bezugsperson des eigenen Kindes genau kennenlernen und einschätzen können.

Zum bindungsfördernden Verhalten der Kindertagespflegeperson gehört es Blick- und Körperkontakt zu halten, die Bedürfnisse des Kindes ernst zu nehmen und sofort zu reagieren, wenn das Kind Hilfe braucht oder weint. Die Tagesmutter oder der Tagesvater muss also sehr aufmerksam sein um das noch unbekannte Kind möglichst gut einschätzen zu können und um die Bedürfnisse richtig zu deuten.

Eine Kindertagespflegeperson betreut höchstens fünf Kinder in einem familiären Umfeld. Das bedeutet für die Kinder mehr Geborgenheit und eine individuellere Betreuung als in einer Großgruppe mit mehreren Bezugspersonen. Das Kind muss sich nur an eine Person und nur an wenige Kinder gewöhnen, was die Eingewöhnung erleichtern kann.

Die Tagespflegeperson steht meist auch nicht unter dem Druck gleich 5, 6 7 oder gar 8 Kinder neu einzugewöhnen zu müssen. Falls mehrere Kinder einzugewöhnen sind, kann das gut zeitlich nacheinander untergebracht werden, damit genug individuelle Zeit für jede Familie da ist.

Nach dem Berliner Eingewöhnungsmodell kann die Eingewöhnung so aussehen:

Die erste Familie kommt um 9 Uhr mit dem hoffentlich ausgeschlafenen, sattem und gut gelauntem Kind.  Die Kindertagespflegeperson begrüßt die Familie und zeigt die relevanten Räumlichkeiten. Der Mutter wird erklärt,wie sie sich am Besten verhält – nämlich passiv, aber als sicherer Hafen in Reichweite. Meist wird der Mutter ein Stuhl am Rande des Spielgeschehens zugeteilt. Dort nimmt die Mutter oder der Vater Platz und zeigt, dass sie für das Kind da ist und diese Situation befürwortet.

Nun ist die Betreuungsperson gefragt. Sie muss nun möglichst natürlich versuchen Kontakt mit dem Kind aufzunehmen. Gut ist es, wenn die Kontaktaufnahme vom Kind kommt, wenn sich dieses also selbstständig von der Mutter oder dem Vater löst und auf die Gruppe und die Fachkraft für Kindertagespflege zu geht. Das kann die Tagesmutter oder der Tagesvater natürlich provozieren, in dem sie oder er möglichst interessante Spielmöglichkeiten aufzeigt. So kann die Kindertagespflegeperson z. B. einen Turm bauen (mit oder ohne die anderen Kinder). Türme sind zum umwerfen da.

Die Betreuungsperson muss, sobald der Erstkontakt entstanden ist, sehr gut aufpassen, wie sie sich verhält. Blickkontakt halten und die Bedürfnisse ernst nehmen fördert die Bindung. Gemeinsam lachen und Spaß haben lockert die Situation auf und erleichtert dem Kind sich wohlzufühlen.

Nach und nach übernimmt nun die Tagesmutter oder Tagesvater die pflegerischen Aufgaben wie füttern, bzw. beim Essen helfen, wickeln, Nase putzen etc. Immer nur so weit, wie das Kind es schon zulässt.

Wenn diese pflegerischen Sachen möglich sind und das Kind schon mindestens 4 Tage mit der Mutter oder dem Vater (je eine Stunde pro Tag) bei der Kindertagespflegeperson waren, kann eine erste Trennung versucht werden. Der Vater oder die Mutter verabschieden sich und gehen aus dem Zimmer.

Nun muss die Fachkraft für Kindertagespflege genau auf die Reaktion des Kindes achten. Spielt es einfach weiter, als sei nichts geschehen oder lässt es sich sehr schnell ablenken und beruhigen, kann die Zeit der Trennung langsam gesteigert werden. Weint das Kind aber und lässt sich nicht sofort wieder beruhigen, muss die Mama oder der Papa auch sofort wieder kommen. Dann wird die Phase, in der die Eltern ihr Kind begleiten, noch etwas verlängert und eine nächste Trennung versucht, wenn das Kind sich wieder sicher ist und sich etwas besser eingelebt hat. Meist ist das nach weiteren 3-4 Tagen der Fall.

Die Kindertagespflegeperson muss in dieser Zeit sehr aufmerksam sein. Sie sollte jetzt schon wissen, was das Kind mag, was es beruhigt und was es ablenkt. Ist das eher das Buch mit dem Bagger oder die die Duplo-Eisenbahn? Mag es das Kind, wenn man es auf den Arm nimmt oder meidet es den Körperkontakt (noch)? Geht es dem Kind in der Situation der Trennung tatsächlich gut, nur weil es nicht weint, oder schluckt es seine Trauer nur hinunter.

Die Fachkraft für Kindertagespflege steht unter ständiger Beobachtung der Eltern, die natürlich genau wissen wollen, wie die zukünftige Betreuungsperson mit den Kindern und vor allem ihrem Kind umgeht. Sie achten auf jedes Wort und jede Geste. Die bestehende Kindergruppe ist deshalb nicht geduldiger mit der Tagesmutter oder dem Tagesvater. Sie verhalten sich, wie immer, unberechenbar und bekommen auch einen Wutanfall wenn gerade eine Familie zum Eingewöhnen da ist. Da nehmen die Kinder leider keine Rücksicht. Sie haben die gleichen Bedürfnisse wie immer und wollen die auch bitte gleich und sofort befriedigt bekommen.

Eine anstrengende Zeit für Kind, Eltern und die Fachkraft für Kindertagespflege.

Jedes Kind reagiert anders in der Eingewöhnung und jedes Kind braucht auch eine individuelle Eingewöhnung. Das Berliner Modell sollte also eher als grobes Gerüst angesehen werden und nicht als starre Regel. Manche Kinder brauchen länger um eine Beziehung zu einer anderen Person aufzubauen als andere. Eine wichtige Regel gibt es: Kein Kind sollte einfach einer fremden Person übergeben werden, ohne dass sie ihm vertraut ist.

„Man kennt nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!“

„Was muß ich da tun?“ sagte der kleine Prinz.

„Du mußt sehr geduldig sein“, antwortete der Fuchs.

„Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Mißverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bißchen näher setzen können …“

(„Der kleine Prinz“)

 

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

4 Gedanken zu „Eingewöhnung – aus der Sicht der Betreuungsperson

  1. Toll und passend der Ausschnitt aus dem kleinen Prinzen. Ich empfehle dir, dir auch mal das Münchner Eingewöhnungsmodell anzusehen. Es baut auf dem Berliner auf und ist etwas zaghafter. Ich arbeite nur noch nach dem Münchner 🙂 Liebe Grüße

  2. Sehr schön geschrieben. Mir gefällt auch der Vergleich aus dem kleinen Prinzen. Sehr oft werde ich von verunsicherten Eltern gefragt, wie ich die Eingewöhnung gestalte. Ich antworte dann immer:“individuell“, weil man das wirklich nicht pauschal sagen kann. Meine Arbeit beginnt mit Beobachten, das Kind wahrnehmen mit all seinen Eigenschaften, Fähigkeiten und Bedürfnissen, darauf eingehen, daß das Kind sich willkommen und angenommen fühlt, ohne es zu überfordern. Eine Aufgabe, die sehr viel ‚Feingefühl‘, Empathie und Fingerspitzengefühl abverlangt.

  3. Sehr schön geschrieben!!! Ich habe gerade zwei neue Kinder hier. Gerade mal ein Jahr alt. Das Mädchen hat nun schon seine dreiwöchige Eingewöhnung hinter sich und läuft nun auf Vertrag. Sie ist aber noch nicht soweit. Will den ganzen Tag nur auf meinem Arm sein und den anderen beim Spielen zusehen. Wenn ich ein anderes Kind windle, oder aufstehe, um etwas zu holen, weint sie sehr verzweifelt. Gott sei Dank bekommen es Mama & Papa hin, dass die Kleine nicht – wie abgemacht – erst 17 Uhr, sondern schon 15Uhr von einer der Omis abgeholt wird. Und nun ist ein anderes Bübchen, dessen Eingewöhnung in der Krippe schief gelaufen ist, hier schon in der zweiten Woche zur Eingewöhnung bei mir. Solange Papa dabei ist, spielt er toll, nimmt Augenkontakt mit mir auf, lässt sich auch schonmal an der Hand anfassen (eher selten) und wir lächeln uns an…, aber wehe der Papa steht auf & macht Anstalten wegzugegen. Dann ist der kleine Mann mit nichts zu beruhigen.
    Das ist gerade für alle Beteiligten sehr anstrengend und ich hoffe, dass wir alle endlich bald ein eingespieltes Team sind und uns gegenseitig vertrauen, denn dann ist die Arbeit wuuuuunderschön!!

  4. Ich gestalte in der Regel auch eine Eingewöhnung von 2-3 Wochen vor Arbeitsaufnahme der Eltern. Ab Juli muss ich ein neues Kind eingewöhnen, Mädchen ein Jahr, mit einer sehr kurzen Eingewöhnungszeit. Wir haben eigentlich nur eine Eingewöhnungszeit von 3 Tagen. Vertragsbeginn wird der 6.7. sein und die Mutter muß am 9.7. den ersten Tag arbeiten. Eigentlich unmöglich. Aber aus verschiedenen Gründen, war das nicht anders machbar. Wir versuchen nun eine Lösung fürs Kind zu finden. Evtl. kann die Oma dann die Eingewöhnung machen. Für Tipps, die uns helfen könnten wäre ich dankbar. Lg Linda

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