Wir wussten es doch vorher…

Ich kann diesen Satz nicht mehr hören. „Du wusstest doch vorher, dass du so wenig Geld bekommen würdest“. Ja, ich wusste von Anfang an, dass ich 3 Euro die Stunde pro Kind bekommen würde – und ich fand es von Anfang an zu wenig. Mal ganz davon abgesehen, dass ich stetig alles ändert – nur unsere Bezahlung ist immer noch nicht leistungsgerecht, geschweige denn angemessen. 


Für dieses Kinderlächeln tue ich alles – auch für so einen niedrigen Stundensatz arbeiten… (das möchte ich aber gerne ändern)

Ich habe 2011 als Tagesmutter angefangen. Ich wollte meinen damals 10 Monate alten Sohn nicht in eine Krippe geben. Ich wollte sehen, wie er aufwächst. Deshalb habe ich mich mit dem Thema „Kindertagespflege“ auseinander gesetzt und hielt es für eine sehr gute Betreuungsform für kleine Kinder. Da ich gelernte Erzieherin bin, die ihren Job und die Kinder sehr liebt, war das also eine ziemlich perfekte Lösung für mich. Ich musste keinen Qualifikationskurs machen und handelte mit dem Jugendamt aus, dass ich eine Zuzahlung von 1 Euro die Stunde + Essensgeld + Spielgeld nehmen durfte.

Inzwischen haben wir 2015, das Essensgeld wurde gestrichen, das Spielgeld auch und natürlich auch die Zuzahlungen. Dafür haben wir inzwischen anstatt 40 nur noch 30 Ausfalltage. Unser Tagespflegeentgelt beträgt mittlerweile 3,98 Euro pro Stunde und Kind. Die Bedingungen haben sich also verschlechtert.

Da ich damals noch in „Elternzeit“ war und wir damit gerechnet haben, dass ich die ersten 3 Jahre nicht viel Geld verdienen würde, habe ich das auch so hingenommen. Mir war aber von vorneherein klar, dass ich das ändern möchte. Nicht, weil ich an allem was auszusetzen habe, sondern weil ich Ungerechtigkeit gar nicht leiden kann.

Ich bin Erzieherin und selbst wenn ich das nicht wäre, verrichte ich doch tagtäglich genau die gleiche Arbeit und zusätzlich noch viel mehr! Natürlich auch außerhalb der schlecht bezahlten Arbeitszeit.

Da ich in den letzten Berichten häufig über die Betreuungsqualität berichtet habe, gehe ich davon aus, dass wir (gute) Tagespflegepersonen eine mindestens genauso gute Qualität liefern wie eine Kita. Außerdem sind wir selbstständig. Wir sind nicht angestellt. Wir tragen das gesamte Risiko alleine. Wie oft muss ich lesen „Eltern haben fristlos gekündigt“ oder „Kita nimmt mir ein Kind weg“. Und dann? Dann stehen wir auf einmal ohne dieses Einkommen da. Von heute auf morgen fehlen über 600 Euro. Genau deshalb müssen wir Rücklagen bilden können! Stellt euch vor, wir brechen uns einen Arm – wie viele von uns haben eine Vertretung, die die Kinder übernimmt? Wer muss diese selbst zahlen? Und was passiert, wenn man keine Vertretung hat? Nicht zu vergessen: wir bekommen genau 30 Ausfalltage bezahlt – was normalerweise ungefähr dem Urlaub entspricht. Alle weiteren Tage sind also unbezahlt. Wieder ein Grund um genügend Rücklagen zu bilden. Aber von fast 4 Euro die Stunde pro Kind ist das nicht möglich.

Also, wir BRAUCHEN mindestens so viel Geld wie eine Angestellte im Kindergarten, und das alleine für unsere „Arbeit am Kind“ unsere Betriebskosten + Geld zum Rücklagen bilden müsste noch oben drauf gelegt werden.

wpid-img_20150507_071252.jpg So lange so für uns geworben wird, kann etwas nicht stimmen…

Etwas verunsichert werde ich, wenn ich lese, welche Fördergelder für einen Platz in der Kindertagespflege gezahlt werden. Nach meiner Information werden pro Monat und Vollzeitplatz 212,78 Euro an Fördergelder gezahlt. Diesen Betrag verdoppelt dann die Wohnortgemeinde des Kindes. Also haben wir insgesamt schon 425,56 Euro. Dazu kommt bei uns noch der Elternbeitrag von 220 Euro pro Monat und Vollzeitplatz. Das ergibt dann 645,56 Euro pro Monat und Vollzeitkind. Bis vor einem Jahr haben wir ganze 520 Euro an Tagespflegeentgelt bekommen. Natürlich kommen da noch die (hälftigen) Versicherungen, Verwaltungsarbeit usw. für das Jugendamt dazu. Dafür gibt es pro Jahr und Vollzeitplatz noch mal 111,46 Euro pro Monat vom Bund. Wir sind also schon bei 757,02 Euro angekommen. Sooo unglaublich teuer kann also, meines Verständnisses nach, ein Platz in der Kindertagespflege nicht sein. Und warum dann so wenig Geld für uns übrig bleibt, verstehe ich noch weniger. WIR leisten doch die Arbeit.

Schaubild zur Tagespflegeförderung

Fördermöglichkeiten im Bereich der Tagespflege neu 02 2014 n

Betriebskostenförderung Bund Stand 02 2015 (1)

Ich möchte mehr Geld haben, weil ich 50 Stunden die Woche arbeite, weil ich eine gute Betreuung anbiete und ich derzeit sechs Eltern ermögliche zu arbeiten. Ich fördere die Kinder altersentsprechend nach dem bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan und koche ihnen altersentsprechendes und gesundes Essen. Ich habe ca. 50 qm in unserem eigenen Haus für die Tageskinder. Ich biete eine gute Qualität und möchte von dieser sehr anspruchsvollen und wertvollen Arbeit leben können! Deshalb klage ich.

PS: Falls ich etwas bzgl. der Förderungen falsch verstanden habe, klärt mich bitte auf – ich finde es äußerst erschreckend, dass es doch so viele Fördergelder vom Bund gibt und wir nur so wenig bekommen (und, dass Bayern nichts dazu gibt)

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

10 Gedanken zu „Wir wussten es doch vorher…

  1. Ich kann es nicht mehr hören …

    Das sagt genau das, was ich auch jedesmal denke, denn es ist in der Tat nicht so, dass man „das ja vorher wusste“, wie wenig man verdient.

    Das beginnt schon damit, dass es in der einen Kommune eine Vergütung pro Stunde und Kind von 2,36 Euro gibt, während in einer anderen Kommune 8,00 Euro gezahlt werden. Zieht man also um, hat man u.U. die berühmt-berüchtigte „A…karte“ gezogen.

    Konnte man – denn man ist ja „selbständig“ seine Vergütung selbst kalkulieren, indem man Zuzahlungen nahm, wird plötzlich (z.B. in NRW) das Kibiz (Kinderbildungsgesetz) reformiert und diese Zuzahlungen werden untersagt. Da wird von manchen Kommunen gedroht, bei einem Verstoß gegen dieses sog. Zuzahlungsverbot die Zahlungen einzustellen oder sogar die Pflegeerlaubnis zu entziehen.

    Wenn ich immer höre, 5,00 Euro pro Stunde und Kind macht bei fünf Kindern 25,00 Euro „Stundenlohn“ (dieses Wort regt mich auch jedes Mal auf), möchte ich am liebsten laut schreien. Das ist eine absolute „Milchmädchenrechnung“.

    a) es sind die Sachkosten enthalten, die definitiv kein Einkommen sind

    b) man hat nicht immer fünf Kinder und schon gar nicht in Vollzeit, manch einer hat lediglich eine PE für drei Kinder

    c) es fallen Steuern an sowie Beiträge zur Kranken- und Rentenversicherung (einkommensabhängig in unterschiedlicher Höhe. Sicher bekommt man eine „angemessene“ Erstattung, doch leider ist es gang und gäbe, dass diese nicht die Hälfte der tatsächlich zu zahlenden Beiträge ausmacht.

    d) es müssen Rücklagen gebildet werden

    Es gibt häufig Eltern, die fristlos (!) kündigen, weil sie z.B. einen Kitaplatz bekommen können und ihnen gesagt wird, dass sie für das Kind keinen Platz mehr bekommen, wenn es drei Jahre alt ist.

    Es ist auch möglich, nicht alle Plätze besetzen zu können.

    Ebenso kann es sein, dass man nur Kinder bekommt, die vielleicht nur 20 Wochenstunden betreut werden (mitunter sogar noch weniger).

    Rücklagen sind auch notwendig, weil man selbst vielleicht einfach längerfristig erkrankt. Wer das Glück hat, nie krank zu werden, der kann sehr froh sein. Oft arbeiten Tagespflegepersonen auch weiter, obwohl sie eigentlich dringendst eine Auszeit brauchen. Einfach, weil sie sich den Ausfall gar nicht leisten können.

    e) Das Rentenalter kommt bestimmt

    Viele scheinen sich keine Gedanken zu machen, was im Alter passieren wird, wenn sie sich jetzt nicht vernünftig absichern. Dann ist am Ende des Geldes plötzlich noch zwei Drittel des Monats übrig. Ob man dann immer noch so glücklich und zufrieden ist und sagt „Ich habe es doch vorher gewußt.“? Vermutlich nicht.

    Auch das Argument „Ach, Rente ist nicht so wichtig, ich habe ja meinen Mann (resp. meine Frau, wobei ich das von den wenigen männlichen TPP noch nie gehört habe)“ finde ich wahrhaftig ziemlich – Verzeihung – dämlich. Was macht so jemand eigentlich im Falle einer Scheidung?

    Es gibt noch hunderttausend andere Gründe … ich kann sie gar nicht alle aufzählen … ich kann nur hoffen, dass irgendwann jeder, wirklich jeder, einfach mal sein Hirn einschaltet.

    1. SUPER, endlich mal jemand der den Nagelmauf den Kopf trifft – allerdings verstehe ich nicht das Ihr (NRW) Euch so vom Landkreis gängeln lasst.

      Ihr seid Selbständig und so nehme ich immer soviel von den Eltern zusätzlich ( 1 € std.) das es dann passt.Sicher wollen das einige nicht – die bekommen dann eben nicht den Platz. Aber das bin ich mir wert! Und ich habe begeisterte Eltern, die Wertschätzung noch verstehen!

      Und ehrlich gesagt, sollte mir hier der Landkreis das verbieten wollen höre ich sofort mit der Tagespflege auf und dann solle sie mal sehen wieviel „glückliche“ Eltern sie am Hals haben …..

      Wer sich was zutraut,dem wird auch Respekt gezollt! Lasst Euch nicht unterkriegen!!!! NiLo

  2. Wirklich sehr gut geschrieben! Dieser Satz nervt mich auch immer öfter. Natürlich „wusste“ ich, dass man als Tagesmutter nicht viel Geld verdient, geschweige denn davon leben kann. Aber muss ich deshalb die momentanen ungerechten Zustände hinnehmen? Nein! Ach ja…wie war das noch gleich…wussten denn die Lokführer nicht vorher, wie ihr Job ist? 😉

  3. Hallo Petra, ich klage ja schon :). Leider 1. Instanz verloren, also kommen doch die Anwaltskosten + die Kosten der 2. Instanz auf mich zu, wenn ich die Berufung nicht gewinne. Also heißt es Daumen drücken!

  4. Nun,das Problem ist sicher auch,dass viele Tagespflegepersonen sich ihres Status als Selbständige nicht bewusst sind.
    Sie setzen sich mit der kaufmännischen Seite ihrer Selbständig nicht auseinander.
    Begriffe wie Rückstellung,Abschreibung etc sind ihnen nicht geläufig.
    Bei ihnen ist Netto in der Tagespflege gleichbedeutend mit dem Netto auf einem Gehaltsstreifen.Dass es bei ihrer Selbständigkeit noch ganz andere Dinge zu berücksichtigen gibt,entgeht ihnen und im Falle eines Falles gibt es ein böses Erwachen.
    Fälle dazu wurden im Kommentar von Anke Vogt benannt.
    Es werden reichlich Leute ,vorzugsweise Frauen für die Tagespflege rekrutiert, in der Regel auf eigene Kosten,ausgebildet und dann im Regen stehengelassen .Vermittlung von Kindern?Fehlanzeige.
    Wer sich nicht selbst versorgt,steht dumm da.Und wer sich nicht auf Eigeninitiative selbst umfassend informiert,für den wird es oft ein böses Erwachen geben.
    “ Wie,ich muss in die Rentenkasse einzahlen? “
    Sowas wird teuer…..

  5. Ich glaube aber auch, dass man unterscheiden muss. Die Gründe, warum man Tagesmutter wird oder geworden ist, sind sehr unterschiedlich. Und genauso unterschiedlich sind die Erwartungshaltungen von uns. Gerade, die schon sehr lange dabei sind, sind oft in diesem Bereich tätig geworden, weil sie ihre eigenen Kinder selber betreuen wollten und sich nur etwas dazu verdienen wollten. Nur wenige haben es früher als ihren eigentlichen Beruf angesehen. Dieser Prozess hat bei vielen erst in den letzten Jahren eingesetzt. Dann darf man nicht vergessen, vor dem Ausbauprogramm im Krippenbereich, hat sich die Öffentlichkeit kaum für die Kindertagespflege interessiert. Erst seit 2009 wurden wir auch in der Politik ein Thema, als Mittel zum Zweck. Erst da wurde sich erstmals auf Bundesebene intensiver mit dem Thema Vergütung beschäftigt. Früher war es undenkbar als Tagesmutter zu arbeiten, ohne eigene (kleine) Kinder zu haben. Mittlerweile gibt es das oft. Es entscheiden sich viele bewusst für diese Tätigkeit und sehen es als ihren Beruf an. Eine Entwicklung, die durchaus begrüßenswert ist. Diese Menschen haben natürlich auch eine andere Erwartungshaltung an ihren Verdienst. Ich denke, man darf weder die eine Seite, noch die andere Seite verurteilen. Ich bin selber eine TPP, die vor 16 Jahren da rein rutschte, weil sie ihre eigene Kinder nicht betreut bekam, weil andere nicht meinen Ansprüchen genügten, weil ich gerne meine Kinder selber betreuen wollte. Ich muss ehrlich sagen, ich bin absolut zufrieden mit meinem Einkommen. Ich habe meine Kinder großziehen können und trotzdem Geld verdienen können, ohne sie eine Minute fremdbetreuen lassen zu müssen. Für mich ein wahres Geschenk, mehr wert als jeder hohe Stundenlohn. Ich denke, dass das vielen ähnlich geht. Die Intuition warum sie ihre Arbeit verrichten, ist eine andere. Dennoch dürfen wir uns natürlich nicht zu Dumpinglöhnen verkaufen, aber müssen auch ehrlich genug sein, dass kaum einer von uns nur ein einzelnes Kind betreut. Den Stundenlohn also singulär zu betrachten, ist daher tatsächlich etwas schieflastig. Der Spruch, man hat es schon vorher gewusst, stimmt sicherlich. Nur wie man mit dem Ist Zustand umgeht, ist unterschiedlich, der eine ist zufrieden, der andere möchte mehr erreichen. Beides ist legitim. Wie der Handwerker, der als Geselle zufrieden mit seinem Einkommen ist und der andere Geselle, der gerne mehr möchte, seinen Meister macht und mehr verdienen kann. Und damit kommen wir zum Hauptproblem des Ganzen: Für viele ist es ein wahres Geschenk, nach nur 160 Stunden, Geld verdienen zu können und zeitgleich für ihre Kinder da zu sein. Diese TPP werden nur selten aufschreien und nach mehr rufen, denn vielleicht hätten sie anders gar kein oder weniger Geld verdient. Und dann kommen Menschen wie Jennifer, die hochqualifiziert sind und das wissen und das auch entsprechend honroriert haben wollen. Absolut legitim und richtig. Aber man sollte so frei sein, weder die einen noch die anderen zu verurteilen. Ich setze mich hier auch für unsere Rechte ein und möchte gerne einiges verbessern. Ich kenne aber auch sehr, sehr viele, die absolut zufrieden sind, so wie ich es persönlich auch bin 😉

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