Gedanken für die Verantwortlichen

Wir bereiten gerade ein Schreiben für unseren Jugendhilfeausschuss vor. Wir haben uns schon unzählige Gedanken gemacht. Diese alles an die Verantwortlichen weiterzuleiten wäre viel zu viel des Guten. Aber diese Gedanken können uns Tagespflegepersonen helfen, uns klar zu werden, was wir wollen, was wichtig ist und vor allem, was wir brauchen um diese Arbeit weiterhin so gut und verantwortungsvoll weiter zu führen. Wir wollen euch also gerne an unseren Gedanken teil haben lassen.


Als erstes sollte man sich bewusst machen, worum es geht. Wir wollen verdeutlichen, wie wichtig unsere Arbeit ist und was wir eigentlich tun. Also helfen vielleicht ein paar Fragen um sich dessen klar zu werden (Das Schreiben wurde so verfasst, dass man es direkt an die Verantwortlichen weitergeben könnte – also in „Sie-Form“):

Was braucht ein Neugeborenes, ein Baby oder ein Kleinkind? ….

Sie werden wahrscheinlich zu dem Schluss kommen: Mama, Eltern, Nähe, Liebe, vielleicht auch andere Kinder. Ihnen wird nicht in den Sinn kommen, dass ein Baby 11 Spielgefährten braucht oder ständig wechselnde Bezugspersonen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass eine Fremdbetreuung eine gute Betreuungsqualität bietet, wenn es eine feste Bezugsperson gibt, wenn der Betreuungsschlüssel angemessen ist (angestrebt wird 1:3) und wenn der Stresspegel der Kinder in Normbereich ist, was durch Kleingruppen mit weniger Lärm, einer festen Bezugsperson, die immer da ist , erreicht werden kann.

– Eigentlich ist das Konzept der Kindertagespflege perfekt geeignet um eine möglichst gute Fremdbetreuung zu gewährleisten. Warum wird diese Art der Betreuung nicht besser gefördert?

In welche Richtung soll sich die Kindertagespflege entwickeln? ….

Ab Sommer 2015 wird ein neues Qualifikationshandbuch eingeführt und der Qualifikationskurs wird in der nächsten Zeit auf 300 Unterrichtseinheiten anstatt auf 160 ansteigen. Die Ausbildungsdauer steigt also und somit auch die fachliche Kompetenz der Tagespflegepersonen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Die Kindertagespflege ist mittlerweile ein Beruf und kein Hobby mehr. Keine Tagesmutter macht diese Arbeit nur noch, weil sie so hilfsbereit ist – nein, auch wir müssen davon leben können.

Wir Fachkräfte für Kindertagespflege bieten heute schon einen sehr viel höheren Betreuungsstandart als noch vor einigen Jahren. Wir fördern die Kinder, genau wie die Kitas, nach dem Bildungs- und Erziehungsplan.

Wie viele Kinder soll eine Fachkraft für Kindertagespflege betreuen? ….

Bundesweit wird von sämtlichen Experten ein Betreuungsschlüssel von 1:3 empfohlen.
»Notwendig ist eine Fachkraft-Kind-Relation für Kinder von
– 0 bis 1 Jahr = 1:2
– 1 bis 3 Jahr = 1:3 […]
(Quelle: http://www.aktuelle-sozialpolitik.blogspot.de/2014/10/29-bundeskitagesetz.html)

Dr. Brisch (u. a. Dr. med. habil., Privatdozent KH Brisch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie) sagt in einem Interview: „Internationale Studien sagen sehr klar, dass bei den Säuglingen eine Betreuungsrelation von eins zu zwei – eine Erzieherin für zwei Kinder – und bei den etwas älteren Kindern eine von eins zu drei herrschen sollte. Das ist in den allermeisten Krippen in Deutschland nicht gegeben. Da gibt es Verhältnisse von eins zu sechs, eins zu sieben oder eins zu acht. Wir haben zwölf und mehr Kinder in einer Gruppe mit formal zwei Erzieherinnenstellen. Und diese zwei Stellen teilen sich oft auch noch mehrere Teilzeitkräfte, die nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Stunden in der Krippe sind.“

Das Krippenrisiko http://www.zeit.de/2014/04/kinderbetreuung-krippen-qualitaet-karl-heinz-brisch

Wollen Sie diesen Betreuungsschlüssel in der Kindertagespflege anstreben? Falls ja, müssen Sie dies auch in der Bezahlung der Kindertagespflegepersonen berücksichtigen.

Soll die Tagespflegeperson von dem verdienten Geld leben können?

Einige von uns Tagesmüttern betreuen nahezu rund um die Uhr. 50 Stunden pro Woche ist keine Seltenheit. Nur wenige Tagesmütter betreuen tatsächlich 5 Kinder gleichzeitig. Meistens verteilen sich die Betreuungszeiten auf den ganzen Tag. Außerdem betreuen die Fachkräfte für Kindertagespflege in Würzburg meist nur 2-3 Kinder.
Was bedeutet es, davon leben zu können? Was wäre ein angemessenes sozialversicherungspflichtes Einkommen? (Die Rücklagen, die ein Selbstständiger bilden muss, bitte nicht vergessen!) ….
Ist der Mindestlohn ausreichend? Was verdienen Erzieher im Kindergarten?

Was wäre der Leistung nach angemessen? ….

Kann man uns mit angestellten Erziehern vergleichen? Von der „Arbeit am Kind“ sicher, zusätzlich müssen wir allerdings das gesamte Inventar und die Räumlichkeiten selbst zur Verfügung stellen und auch zahlen. Dies muss sich auch in der Bezahlung widerspiegeln. Außerdem müssen wir als Selbstständige Rücklagen (für Krankheit, Umzug eines Kindes,…)  bilden können.

Was leisten wir wirklich? Was wird erwartet? Das sind alles Fragen, die Sie sich stellen müssen, bevor Sie über uns entscheiden.

So viele Fragen und einige haben wir bereits versucht zu beantworten. Allerdings liegt das alles im Auge des Betrachters und jeder hat seine eigene Meinung. Und wieder einmal sind wir bein Thema Öffentlichkeitsarbeit angelangt. Wenn die Öffentlichkeit ein besseres Bild von uns hat, werden wir mehr geschätzt und unsere Forderungen wirken realistischer. Wir werden eher gehört, wir werden ernst genommen. Keiner mag auf uns verzichten, wenn sie wissen, was wir leisten und wie wichtig wir sind.

Die Liste ist noch lange nicht abschließend, aber ich kann ja nicht alles alleine machen – nun seid ihr dran. Welche Fragen muss man sich noch stellen, bevor man über uns entscheidet?

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

2 Gedanken zu „Gedanken für die Verantwortlichen

  1. Ich würde noch die Gleichrangigkeit gemäß SGB VIII reinnehmen, dass uns die Gleichrangigkeit auf Bundesebene „zugetraut“ wird, aber in der Praxis vor Ort oft nicht gelebt wird. Soll die Kindertagespflege gleichrangig sein, muss sie auch für die Eltern als ein gleichrangiges Angebot nach außen gekennzeichnet werden. Das ist zum einen die Öffentlichkeitsarbeit, was du ja schon sagtest, aber zum anderen auch wirklich die Attraktivität. Eltern wollen zwar ein behütetes Umfeld für ihre Kinder, sie wollen aber vor allem arbeiten gehen können, ohne Angst haben zu müssen vor evtl. Ausfällen. Und hier sind dann wieder die Kommunen gefragt, die dazu verpflichtet sind, ein adäquates Vertretungssystem zu konzipieren und auch zu finanzieren, Dann muss auch deutlich gemacht werden, dass die Kommunen auch die Aufgabe haben, unsere Qualität zu sichern und damit Standards zu gewährleisten. Hier sind gute und qualititativ hochwertige und vielfertige Fortbildungsangebote gefragt, auch wiederum finanziert durch die Kommunen. Supervisionen sollten Pflichtbestandteile für alle werden, um so auch seine laufende Arbeit auch fachlich reflektieren zu können. Die Zusammenarbeit Jugendamt und Kindertagespflege darf nicht nur die der Kontrolle seitens der Ämter sein, sondern es muss auch eine fachliche Begleitung gesichert sein, die einem bei Fragen und Problemen Hilfestellungen bietet. Das alles gehört ebenso in eine gut ausgebaute und qualititativ hochwertige Kindertagespflege mit rein. Nicht nur auf die finanziellen Rahmenbedingungen fokussieren, sondern die anderen Bereiche mindestens ebenso stark gewichten. Nur so wird deutlich, dass es nicht nur ums Geld geht, sondern vor allem um eine gute fachliche Arbeit in der Kindertagespflege. Nur so wird man auf Dauer Ernst genommen. Mit pauschalen Aussagen aufpassen, sprich den Satz keiner macht das mehr als Hobby, sondern Zahlen einpflegen, die aufzeigen wieviele Kinder durch wieviele TPP betreut werden. Toll wäre eine Umfrage unter TPP, die die Intentionen aufzeigen. Grundsätzlich das emotionale rauslassen, sondern nur anhand von Fakten argumentieren. Sachlichkeit ist immer besser ;)..Rhetorische Fragen rausnehmen….Das sind alles nur Tipps, keine Vorwürfe ;))

  2. Hallo Jenny! Ich selbst habe eine Rede vor dem Jugendhilfeausschuss gehalten. Ich stellte kurz unsere tägliche Arbeit vor. Viele wissen nicht, das wir wirklich 10 h täglich arbeiten, selbst kochen, Vor- und Nacharbeiten haben, tägliche Tür- und Angelgespräche führen – die Liste ist lang. Denk darüber nach, was Eltern wichtig ist. Unsere Probleme kommen nicht so gut an. Später führte ich Paragraphen in einer Tabelle auf. Links: Was bekommen wir nicht / Rechts: passende Paragraphen dazu. Gesetze, Vorgaben, Richtlinien vom Bundesministerium sind Wichtiger als unsere eigene Meinung. Dadurch steht das Jugendamt kräftig unter Druck. Viel Glück!!!

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