Betreuungsqualität in Kitas und Kindertagespflege – aus Sicht der Kinder 2

Wieder einmal geht es um die Betreuungsqualität in Kitas. Wir haben schon grob aufgeführt, was Kinder unter 3 Jahren alles brauchen. Die verlässliche Bezugsperson, zu der das Kind eine Bindung aufbauen kann, ist unabdingbar. Dann muss das Kind sich wohl fühlen können, es muss sich angenommen fühlen und seine Bedürfnisse müssen ernst genommen werden. Ganz wichtig ist auch der Faktor Zeit. Eine Erzieherin braucht genug Zeit um für jedes Kind individuell da sein zu können. Das ist natürlich schwierig, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. In der Nubbek-Studie wurde die Qualität der Kitas und auch der Kindertagespflege überprüft und die Ergebnisse sind doch überraschend.


Es ist sehr schwer das Image der Kindertagespflege aufzuwerten ohne dass andere Einrichtungen sich angegriffen fühlen.  Das ist nicht mein Ziel und ich entschuldige mich jetzt vorsichtshalber dafür, falls man meinen Artikel so auslegen könnte.

Natürlich habe ich als ehemalige Krippenerzieherin, die ihr eigenes Kind nicht in eine Krippe geben wollte und jetzt Fachkraft für Kindertagespflege ist, meine eigene Meinung zu diesem Thema. Wie schon im letzten Artikel betont, schätze ich aber die Arbeit der Erzieher in Kitas sehr!

Aber jetzt mal zu den objektiveren Fakten. Hier zeige ich euch 2 Tabellen im Vergleich. Einmal Krippe und einmal Kindertagespflege. Die Prozentzahl zeigt an, wie viel Prozent der Einrichtungen die angegebene Qualitätsstufe erreicht haben.

 Krippe  Gute Qualität Mittlere Qualität Unzureichende Qualität
Platz und Ausstattung 47,1 %  47,1 % 5,9 %
Betreuung und Pflege der Kinder 5,9 % 29,4 % 64,7 %
 Zuhören und Sprechen  43,8 %  50,0 %  16,3 %
 Aktivitäten  11,8 %  82,4 %  5,9 %
 Interaktionen  58,8 % 35, 3 %  5,9 %
 Strukturierung der pädagogischen
Arbeit
 43,8 % 50,0 %  6,3 %
 Eltern und
Erzieherinnen
 52,9 % 47,1 %
 zusätzlichen Merkmalen
(Eingewöhnung, Unterstützung der sozial-emotionalen Entwicklung)
35,3 %  52,9 % 11,8 %

 

Kindertagespflege Gute Qualität Mittlere Qualität Unzureichende Qualität
Platz und Ausstattung 23,1% 46,2% 30,8%
Bereich Betreuung und Pflege 46,2% 53,8%
Zuhören und Sprechen 46,2% 46,2% 7,7%
Aktivitäten 15,4% 76,9% 7,7%
Interaktionen 69,2% 15,4% 15,4%
Strukturierung der
pädagogischen Arbeit
46,2% 53,8%
Bereich Eltern und Tagesmütter 30,8% 53,8%  15,4%
zusätzlichen Merkmalen (Atmosphäre, Eingewöhnung,
Übergang Kindertagesstätte/andere Kindertagespflegestelle/Schule)
53,8% 46,2%

Was sind die wichtigsten Punkte in dieser Tabelle? Ganz eindeutig die Betreuung und die Pflege der Kinder.

Auffallend ist hierbei, dass alle Betreuungsformen durchgehend schlecht im Bereich Betreuung und Pflege abschneiden.
Dieser Bereich der Betreuung und Pflege der Kinder umfasst die Inhalte Begrüßung
und Verabschiedung, Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten, Ruhe und Schlafzeiten,
Wickeln und Toilette sowie Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge und Sicherheit,
d.h. zentrale Aspekte im Hinblick auf das körperliche und seelische Wohlbefinden der
Kinder. Die Umgestaltung von Betreuungs- und Pflegesituationen stellt damit einen wichtigen
Ansatzpunkt bei der Verbesserung der Betreuungsqualität dar. Die aktuelle entwicklungspsychologische Forschung unterstreicht die zentrale Bedeutung von vertrauensvollen Beziehungen für die kindliche Entwicklung. Betreuungs- und Pflegesituationen wie beispielsweise Mahlzeiten oder das Wickeln der Kinder lassen sich sehr gut als Beziehungssituationen nutzen und gestalten (siehe Wertfein et al., 2012).

Es tröstet mich auch nicht, dass die Kindertagespflege in diesem Punkt nicht ganz so miserabel abschneidet wie die Krippen. Viel zu viele Einrichtungen bieten im Punkt Betreuung und Pflege der Kinder, der den zentralste Punkt überhaupt darstellt, nur unzureichende Qualität.

Woran das liegen mag, kann ich nur vermuten. Wir schauen uns dazu mal den fünften Bericht zur Evaluation des Kinderförderungsgesetzes (KiföG-Bericht 2015) an.

Zur Information Zahlen und Fakten zum Betreuungsschlüssel und zur Gruppengröße:

In Gruppen mit Kindern im Alter von unter drei Jahren betreute am 1. März 2014 eine Vollzeitkraft durchschnittlich 4,1 ganztags betreute Kinder, 2012 war eine Vollzeitkraft noch für 4,5 ganztags betreute Kinder verantwortlich. Auch die durchschnittliche Gruppengröße verbesserte sich bei dieser Gruppenform seit 2010 leicht von 11 auf 10 Kinder im Jahr 2014. Die Anzahl der betreuten Kinder pro Tagespflegeperson stieg von 2,7 im Jahr 2010 auf 3,3 im Jahr 2014.

Experten und auch die Nubbek-Studie empfehlen einen Betreuungsschlüssel von 1:3 für Kinder unter 3 Jahren, also eine Erzieherin auf 3 Kinder. Wenn die Kinder aber jünger oder sogar Säuglinge sind, dann sollte eine Erzieherin nur 2 Kinder betreuen. Laut Nubbek-Studie liegt der durchschnittliche Betreuungsschlüssel in einer Krippe bei 1:3,97, laut Evaluationsbericht des Kifög liegt der Betreuungsschlüssel in Krippen bei 1:4,1.

Die zunehmende Kinderanzahl pro Tagespflegeperson kann ein Hinweis darauf sein, dass mehr Tagespflegepersonen ihre Beschäftigung existenzsichernd ausüben und diese als Beruf – und nicht als Zuverdienst – verstehen. Eine zunehmende Anzahl an betreuten Kindern geht in der Regel mit einer höheren Bezahlung der Tagespflegeperson einher. (Völlig richtige Aussage aus dem „Kifög-Bericht„)

Ich kenne übrigens keine Krippe, die diesen Betreuungsschlüssel einhält. Wobei es sie ja geben muss! Bei uns kommen 5-6 Kinder unter 3 Jahren auf eine Erzieherin. Das Alter der Kinder wird, meines Wissens nach, hier nicht berücksichtigt und aufgenommen werden die Kinder häufig ab 6 Monaten. Wenn eine Erzieherin krank ist, auf Fortbildung ist oder Urlaub hat, ist der Betreuungsschlüssel natürlich noch schlechter.

Wunderschöne Grafiken zu den Themen „Wahrnehmung der Aufgaben der pädagogisch Tätigen und der Tagespflegepersonen im Betreuungsalltag 2014“ und „Sicherheit bei der Bewältigung der Aufgaben der pädagogisch Tätigen und der Tagespflegepersonen im Betreuungsalltag 2014“ findet ihr auf Seite 37 und 38.

Kurz zusammengefasst kann ich zu diesen Grafiken sagen, dass die Erzieher in der Einrichtung ihre Aufgaben, mehr als die Fachkräfte für Kindertagespflege, in den Bereichen Beobachtungen, arbeiten nach festem Konzept und arbeiten nach Bildungsplan sehen. Die restlichen Punkte, wie z. B. Entwicklungsgespräche mit Eltern oder Begleitung in der Eingewöhnungszeit sind sehr angeglichen. Also hier finden wir keine großen Unterschiede.

Auffallend ist aber, dass in der zweiten Grafik zur „Sicherheit der Bewältigung der Aufgaben […] im Betreuungsalltag“ die Kindertagespflegepersonen in allen Punkten sicherer sind. Woran das liegt, kann ich ebenfalls nur mutmaßen. Entweder überschätzen sich eine Kindertagespflegepersonen oder sie sind sich tatsächlich sicherer in ihrer Arbeit. Ich habe meine Ausbildung zur Erzieherin 2006 abgeschlossen. Bis dahin hat eine Erzieherin in der Ausbildung gar nichts oder so gut wie gar nichts zum Thema Kleinkindpädagogik gelernt. Eine Kindertagespflegeperson hat wenigstens die 160 Stunden Qualifikationskurs, der sie gezielt auf die Arbeit mit Kindern unter 3 Jahren vorbereitet. Außerdem ist meist eine Anzahl von Fortbildungsstunden pro Jahr fest geregelt. Erzieher, die ihre Ausbildung schon etwas länger abgeschlossen haben, müssen sich also nachqualifiziert haben, um sich mit der Arbeit mit unter 3 jährigen Kindern sicher zu fühlen.

Hier eine ebenso schöne Grafik zur Zufriedenheit der Eltern:

Grafik BMFSHJ

(Quelle: Fünfter Bericht zur Evaluation des Kinderförderungsgesetzes (KiföG-Bericht 2015))

Insbesondere mit der Anzahl der Betreuungspersonen (Kindertageseinrichtungen: 74,8 Prozent, Kindertagespflege: 94,8 Prozent), der Größe der Gruppe (Kindertageseinrichtungen:
77,4 Prozent, Kindertagespflege: 93,1 Prozent) und den Aktivitäten und Lernangeboten (Kindertageseinrichtungen: 75,4 Prozent, Kindertagespflege: 83,7 Prozent) sind Eltern, die ihr Kind von einer Tagesmutter oder einem Tagesvater betreuen lassen, häufiger zufrieden. Hier zeigt sich, dass die Charakteristika der Betreuung in der Kindertagespflege – feste Bezugspersonen und kleine Gruppen, die eine individuelle Förderung der Kinder begünstigen – den subjektiven Wünschen vieler Eltern entsprechen. Auch mit der Flexibilität der Betreuungssituation sind Eltern in der Kindertagespflege eher zufrieden  Kindertageseinrichtungen: 71,7 Prozent, Kindertagespflege: 82,9 Prozent).

Was die Kinder von diesen oben genannten Punkten wirklich brauchen um glücklich zu sein, ist fraglich. Ein gewisser Platz pro Kind und eine kindgerechte Ausstattung ist schon nötig, aber brauchen sie ein Sprachlernprogramm und genau 5 qm Platz pro Kind? Brauchen die Kinder viele Aktivitäten oder sind sie auch glücklich, wenn sie einfach nur Kind sein dürfen? Muss die pädagogische Arbeit strukturiert sein und in wie weit? Zu Hause gibt es sicher auch Struktur, aber niemand würde behaupten, das die „pädagogische Arbeit strukturiert ist“ und trotzdem würde niemand behaupten, dass Kinder zu Hause unglücklich sind.

Die Interaktion zwischen Betreuer und Kind ist natürlich sehr wichtig, genau wie sprachliche und kognitive Anregungen, aber fordern das die Kinder nicht von selbst ein? Und lernen die Kinder nicht sowieso bei allem, was sie tun etwas? Kinder, die zu Hause betreut werden und im Haushalt helfen, können genauso kognitiv gefördert werden. Eltern und Betreuer, die auf das Kind eingehen und aufmerksam sind, sind das, was Kinder brauchen.

Die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erzieherin/Tagespflegepersonen ist natürlich sehr wichtig. Da sehe ich einen Vorteil in der Kindertagespflege, da die Eltern sich die Betreuungsperson für ihr Kind selbst und persönlich aussuchen. Das Kind profitiert stark davon, wenn die Eltern und die Betreuungsperson ein gutes Verhältnis haben.

Der wichtigste Punkt ist meiner Meinung nach die Betreuung und Pflege der Kinder. Kinder können sich nicht wohl fühlen, wenn sie sich nicht gut betreut werden, wenn die Windel voll ist und das Essen nicht dann auf dem Tisch steht, wenn sie Hunger haben. Mir ist schleierhaft, warum die Ergebnisse gerade in diesem Bereich so schlecht sind. Da muss sich dringend etwas ändern.

Mein Fazit nach diesem Artikel ist für mich, dass es objektiv gesehen keine großen Qualitätsunterschiede zwischen Kindertagespflege und Krippe gibt. Die Eltern sind aber zufriedener mit der Betreuung in der Kindertagespflege als mit der Betreuung in einer Kita.

Für mich gibt es auch keinen Zweifel, dass Kindertagespflegepersonen das bieten können, was Kleinkinder brauchen. Wir bieten eine feste Bezugsperson, die nicht wechselt, wir betreuen eine Kleingruppe mit gleichaltrigen Kindern zum spielen und zum Welt entdecken. Wir bieten kindgerechte Räumlichkeiten, sind wie eine Familie und geben Geborgenheit.

Und jetzt seid ihr gefragt: Was könnt ihr zur Betreuungsqualität sagen?

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

6 Gedanken zu „Betreuungsqualität in Kitas und Kindertagespflege – aus Sicht der Kinder 2

  1. Dann dürften Tagesmütter auch keine 5 kinder gleichzeitig betreuen. daran kann die Qualität auch leiden.

    1. genau deswegen, gibt es ja den Passus, dass die Pflegeerlaubnis auch auf weniger Kinder ausgestellt werden kann. Im übrigen kann das auch im Nachhinein passieren, einmal 5 heißt nicht für immer und ewig 5. Zudem wird es auch Veränderungen im Betreuungsschlüssel geben, Erst gerade gestern bekamen wir auf einer Sitzung den Wink mit dem Zaunpfahl, dass diesbzgl. die Diskussion bereits in vollem Gange ist…..

    2. Und bei all der Diskussion darf man nicht vergessen, dass viele Tagespflegepersonen neben den Pflegekindern auch noch die eigenen Kinder betreuen. Bin mir gar nicht so sicher, ob das in der Statistik entsprechend berücksichtigt wurde.
      So hätte z.B. eine Tagesmutter mit drei eigenen Kindern und nur 2 Pflegekindern (zumindest zeitweise) einen Betreuungsschlüssel von 1:5.

      Wir sind uns (glaub ich) alle einig, dass ein niedrigerer Betreuungsschlüssel besser wäre. Aber mit eigenen Kindern wie soll man da einen niedrigen Schlüssel von z.B. 1:3 erreichen?
      Das geht nur, wenn die eigenen Kinder in der Schule sind… dann kann ich aber keine Vollzeitkinder nehmen…denn nachmittags sind die eigenen Kinder wieder da…(Ja, ich weiß, dass die eigenen Kinder nicht mitgerechnet werden – sie sind aber tatsächlich vorhanden, also gehören sie auch in den Betreuungsschlüssel mit rein).

  2. Schöner Artikel…Danke dafür.
    „Die Umgestaltung von Betreuungs- und Pflegesituationen stellt damit einen wichtigen
    Ansatzpunkt bei der Verbesserung der Betreuungsqualität dar“.

    In einer Einrichtung mit angestelltem Personal wäre das supereinfach zu regeln: Der Arbeitgeber macht neue Vorgaben und alle müssen sich danach richten.

    Bei selbständigen Tagespflegepersonen fehlt mir einfach die Fantasie, wie die Qualität erhöht werden soll. Es könnte eine gesetzliche Regelung sein, eine Verpflichtung des Jugendamtes oder eine freiwillige Umsetzung durch die Betroffenen. Und kontrolliert werden muss das ja auch noch, oder nicht?

    Aber wie kann man die Betreuungsqualität prüfen? Quadratmeter und Kinderanzahl ist was objektives. Aber schon bei der Qualität des Essens und der Spielmaterialien wirds subjektiv – jeder hat dazu ne andere Meinung.

    Also wirds wohl darauf hinauslaufen, dass die objektiv messbaren Werte noch mehr begrenzt werden.
    Beispielsweise könnte die Anzahl der betreuten Kinder reduziert werden von max. 5 auf max. 4.

    Ergibt das aber automatisch eine bessere Betreuungsqualität? Und was bedeutet das für die Betreuungsperson?
    Es bedeutet auf jeden Fall geringere Einnahmen – immerhin 20% weniger bei vermutlich gleichbleibender Arbeitszeit (ich rechne hier mal mit Vollbelegung bei 40 Wochenstunden). Die Betriebskostenpauschale reduziert sich (sind die tatsächlichen Ausgaben auch um 20% gesunken?). Durch den geringeren Gewinn sinken aber natürlich auch die Steuerabgaben, Rentenversicherung und Krankenversicherung.

    Ich würde mir wünschen, dass die zuständigen Behörden erstmal eine Empfehlung für eine gute Betreuungsqualität zusammenstellen, nach denen die Tagespflegepersonen ihre Arbeit ausrichten können. Vielleicht gibt es das ja schon in einigen Landkreisen/Städten. Dann könnte man das einfach übernehmen.

  3. Ich zweifel ehrlich gesagt diese Statistik etwas an. Worauf beruhen diese Ergebnisse, auf was wurde das Augenmerk gelegt, wer wurde dazu befragt? Was versteht man unter Betreuung und Pflege – woran misst man und vor allem wer die Qualität? Ich sehe mich jedenfalls mit meiner Arbeit nicht darin wieder, obwohl ich 5 Vollzeitkinder betreue.
    Vielleicht sollte man eine Piklerschulung für alle TPP mal einführen, die einzige kleinkindpädagogisch wertvolle Grundlage für die Beziehungsarbeit mit U3 Kindern.
    Ich brauche 5 Kinder, um die Kosten zu decken. Mit weniger ist es sicher entspannter, aber finanziell nicht tragbar, jedenfalls nicht, nachdem ich Räume angemietet habe!

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