Regeln – wie viele sind nötig? – 3

Heute möchte ich euch meine Meinung zum Thema Regeln erläutern. Als ich den ersten Artikel zu diesem Thema gelesen habe, war ich mir ganz sicher, dass ich nicht so streng bin und beim zweiten Artikel war mir noch klarer, dass ich da ganz anderer Meinung bin. Und jetzt bin ich gerade dabei den Artikel zu schreiben und merke, dass meine Meinung doch nicht so sehr von der Meinung meiner Kolleginnen abweicht.  Ganz ohne Regeln geht es meiner Meinung nach nicht, aber wie viele Regeln sind sinnvoll und gut für ein Kind?


Ich heiße Jennifer Hartmann, bin staatlich anerkannte Erzieherin und habe einige Jahre in Kindergärten und in Krippen gearbeitet. Ohne eigene Kinder war das auch sehr einfach. Ich wusste ja, was ich in der Schule gelernt hatte und konnte dies auch gut umsetzen. Wenn die Kinder nicht das gemacht haben, was sie sollten und es keine „logische“ Konsequenz gab, mussten sie auf den „stillen Stuhl“ oder bei ganz schweren Fällen in die Garderobe (natürlich nur die Kinder über 3 Jahren). Es ist sinnvoll, wenn die Kinder über ihre „Fehler“ nachdenken können und aus der Situation raus genommen werden. Sie können sich beruhigen und dürfen wieder kommen, wenn sie wieder dazu in der Lage sind am Gruppengeschehen teil zu nehmen ohne weitere Probleme zu machen.

Nun habe ich zwei eigene Kinder und die beiden haben so viele Ideen und so viel Kreativität, dass sie den ganzen Tag auf einem stillen Stuhl sitzen könnten ;). Meine Kinder machen diesen „Quatsch“, diesen „Blödsinn“ nicht, weil sie böse oder ungezogene Kinder sind, sondern weil sie dabei etwas lernen, weil sie Dinge ausprobieren wollen und wissen wollen, wie die Welt funktioniert. Sie wollen eigenständig sein, selbstständig entscheiden können, was sie machen und was nicht. Sie wollen selbst bestimmen. Wie viel Eigenbestimmung ist okay und ab ab muss ein Erwachsener eingreifen?

Natürlich schütten die Kinder irgendwann ihre Becher aus und füllen andere (und auch Spielsachen) damit. Das ist völlig normal und wenn man genau drüber nachdenkt, ist es auch sinnvoll, dass die Kinder das lernen wollen. Also sollte man dies aufgreifen und den Kindern die Möglichkeit geben dies zu lernen ohne eine ungewollte Überschwemmung zu produzieren – oder man verlegt dies auf den Garten und lässt die Kinder auch mal eine Überschwemmung machen. Hier ist also eher Ursachenforschung und Förderung angesagt.

Kinder wollen nicht immer teilen, weil alles MEINS ist. Zum Thema teilen habe ich mal ein sehr schönes Beispiel gelesen. Wir Mütter geben unserer Freundin, die uns besucht auch nicht unsere Lieblingshandtasche zum Spielen oder der Papa gibt auch nur ungern sein teures Smartphone seinem Kumpel zum ausprobieren. Von den Kindern wird dies aber verlangt. Meine Kinder müssen nicht immer alles teilen. Sie dürfen selbst bestimmen, was sie hergeben wollen und was nicht. Die Regel „alles wird geteilt“ gibt es bei uns nicht.

Die Frage ist eigentlich, was wir von den Kindern erwarten. Wollen wir, dass sie sich selbstständig entwickeln? Wenn ja, kann es schlecht verboten werden, dass das Kind (mein Sohn, gerade 2 Jahre) sich den Eck-Drehschrank in der Küche aufmacht um daran auf die Arbeitsfläche zu klettern um oben aus den Schrank ein Schüsselchen und Müsli zu holen, um dann wieder damit nach unten zu klettern, den Stuhl zu holen um den Kühlschrank zu öffnen und sich daraus Milch zu holen. Wollen wir nun selbstständige Kinder oder nicht? Selbstständig ja aber nicht zu selbstständig? Oder nur so viel wie wir es erlauben?

Ganz klar: Es muss Regeln geben, wenn man mit mehreren Leuten oder eben mit mehreren Kindern zusammen ist. Es kann nicht jeder machen, was er gerade für richtig hält, bzw. nur bis zu einem gewissen Maße. Nämlich genau so weit, wie es keinen anderen stört. Diese Grenze ist natürlich sehr schwer zu ziehen, weil jeder Mensch und besonders jedes Kind einzigartig ist und eigene Bedürfnisse hat.

Einige Beispiele:

Hauen, beißen, kratzen usw. sind bei uns absolut verboten. Jedes Kind lernt recht schnell, dass es sehr unangenehm ist, wenn es gebissen wird. Leider dauert es etwas länger, bis die Kinder lernen, dass sie selbst auch nicht beißen dürfen.

Auch dürfen Dinge nicht kaputt gemacht werden. Das ist schwer nachvollziehbar. Warum darf man Türme umwerfen und die Gläser auf dem Tisch nicht? Warum darf man Papier zerreißen um es auf ein anderes zu kleben aber die Briefe von der Tagesmutter nicht? Warum darf man Bälle werfen und Bausteine und Sand nicht? Warum darf das Kind mit Fingerfarbe auf Papier nur malen, wenn die Tagesmutter dabei ist? Alleine kann man doch auch wunderbar auf den Tisch malen.

Die Welt ist voller Verbote und Regeln. Und viele sind für Kinder nicht verständlich und nachvollziehbar. Wenn wir Erziehende dieses Verständnis haben und uns in die Kinder hineinversetzen können und ihre Entwicklung verstehen, dann merken wir, dass wir oft sehr viel von den Kindern erwarten.

Meine Kolleginnen haben z. B. über die Abholsituation gesprochen. Ich glaube nicht unbedingt, dass diese Situation immer aufzeigen kann, ob es daheim Regeln gibt und ob die Eltern konsequent sind. Bei uns ist das sehr situationsabhängig. Und wenn man sich in das Kind hineinversetzt, ist das auch eine Situation, die das Kind aufwühlt. Den ganzen Tag wartet es auf Mama, dann ist sie endlich da, aber eigentlich will es noch spielen und dann soll es Schuhe anziehen, aber Mama kuscheln ist auch toll und tschüss sagen muss es auch noch, dabei möchte es unbedingt raus, weil draußen vorhin eine Katze war und daheim wartet schon das eigene Spielzeug und dann sagt Mama, dass sie noch mal einkaufen muss…

Wir umgehen diese Situation fast immer, indem die Kinder sich anziehen (lassen), bevor sie abgeholt werden. Dann haben die Kinder mehr Zeit sich auf ihre Eltern zu konzentrieren und es gibt keinen Streit, kein Gejammer, keine Machtkämpfe.

Ich versuche gezielt einigen Verboten aus den Weg zu gehen. So stehen z. B. auch (naja fast) alle Dinge, die die Kinder nicht haben dürfen, weit oben. So habe ich mir dieses „nein“ schon gespart.

Ein „nein“, weil etwas „gefährlich“ ist, hören die Kinder bei mir auch nicht allzu oft. Sie dürfen versuchen ganz hoch aufs Klettergerüst zu klettern oder alleine zu rutschen. Wenn ich merke, es ist gefährlich, komme ich und passe auf. Ich vertraue darauf, dass die Kinder ihr Können selbst einschätzen (lernen). Und das klappt sehr gut. Ich traue den Kindern viel zu und die Kinder vertrauen sich.

Meine Kinder dürfen auch im Auto spielen (weil meine Kollegin dieses Beispiel erwähnt hat). Es kommt häufig vor, dass wir mal im Auto irgendwo warten müssen. Die Kinder sind stolz und spielen Auto fahren. Natürlich nur, wenn ich dabei und und nichts passieren kann. Meine Kinder wissen aber auch ganz genau, dass sie es bei Oma nicht dürfen und das ist völlig okay für sie. Sie wissen, dass es bei unterschiedlichen Personen auch unterschiedliche Regeln gibt.

Ganz oft muss ich erst ein Foto machen, bevor ich die neuen kreativen Dinge meiner Jungs wieder in Ordnung bringe. Wie z. B. dass man eben nicht mit Fingerfarben auf den Tisch malen soll… Das werden die Kinder schon irgendwann lernen – hoffe ich 🙂

Mein Fazit ist, dass es sehr viele unterschiedliche Meinungen zum Thema Regeln und Verbote gibt. Ich bin der Meinung, dass ein Kind viel ausprobieren muss, um zu lernen, dass es aber Regeln geben muss, um das alltägliche Miteinander zu klären. Diese sinnvollen Regeln halten die Kinder auch ein, sie verstehen sie und da bin ich auch konsequent. Wir haben schließlich die wichtige Aufgabe die Kinder auf die große Welt da draußen vorzubereiten und dort gibt es Regeln für alle.

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

2 Gedanken zu „Regeln – wie viele sind nötig? – 3

  1. Ich hatte gerade ein Paradebeispiel: Meine Kräuterspirale muss natürlich mit Respekt und Vorsicht behandelt und betreten werden. Die Kinder schnuppern überall immer wieder gerne und sind vorsichtig – das verstehen sie irgendwie. Immerhin waren sie bei der Entstehung dabei und haben mitgeholfen. Aber jetzt haben sie den Kieselweg entdeckt, mit den Steinchen kann man uns will man doch spielen. Ich möchte das nicht wirklich! Verbot ist nicht sinnvoll und ich verstehe das Interesse der Kinder. Lösung: Ich habe noch einen Sack Kieselsteine übrig. Alle Kinder bekommen einen Eimer oder Schubkarre voll und damit können sie machen, was sie wollen. Alle waren glücklich und beschäftigt 🙂

    Ansonsten unterscheidet sich deine Meinung nicht wirklich von meiner 😉 Und ich habe auch nur erzählt, dass andere meinen, ich sei streng. .. aber ich bin nur konsequent (meistens).

  2. Jenny, das hätte auch ein Bericht von mir sein können. Da bin ich ganz bei dir :)…zuviele Gebote und Verbote sind oftmals ein Fluch und kein Segen…und vieles kann man auch gleich vermeiden. Meine eigenen Kinder haben soviel Quatsch gemacht, dass es ein ganzes Buch füllen würde. Jetzt Jahre später lachen wir alle gemeinsam drüber und trotzdem wissen beide sehr genau, was sich gehört und was nicht….und das schob seit vielen Jahren ;).

    Und man sollte nie von kurzen Momenten wie Abholen etc. auf die Erziehungsfähigkeit der Eltern Rückschlüsse ziehen. Das hast du genau auf den Punkt gebracht.

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