Glückliche Kindheit

Wenn ich die Wörter „glückliche Kindheit“ höre, denke ich zuerst an die Bücher von Astrid Lindgren – „Die Kinder von Bullerbü“, „Michel aus Lönnerberga“, „Pippi Langstrumpf“ und „Ronja Räubertochter“. Ich liebte die Kinder aus Bullerbü. Freiheit, Natur, Freunde – und die Eltern, die immer da sind, wenn man sie braucht – aber auch nicht ständig. Das muss doch eine glückliche Kindheit sein. Ich hatte eine glückliche Kindheit. Ich durfte sehr viel und meine Mutter traute meinen Geschwistern und mir viel zu. Sie hatte Vertrauen in unser Können und hat uns unterstützt. Wir durften also alleine in den Garten, auch wenn Mama uns nicht gesehen hat, wir durften durch die Felder streifen, auch wenn die Gefahr bestand, dass wir uns im Maisfeld, das viel höher ist als wir, verlaufen. Wir durften auf der Straße spielen und alleine zu Freunden. Man merkt sicherlich, dass ich nicht in einer Stadt aufgewachsen bin – nein, ich bin vor ca. 30 Jahren in einem kleinen Dorf bei Würzburg geboren worden. Aber nicht nur das ermöglichte mir diese Abenteuer. Ich wurde nicht den ganzen Tag in einer Einrichtung betreut…


Natürlich war ich vormittags im Kindergarten – da waren alle Kinder und es hat uns viel Spaß gemacht. Mittags war der Kindergarten zu, die Eltern holten also ihre Kinder ab und einige wenige brachten die Kinder dann nach dem Mittagessen zurück in den Kindergarten. Die Kinder, die nicht wieder in den Kindergarten „mussten“ waren dann auf der Straße zu finden. Und das meist zusammen. Unsere Mütter waren noch daheim und haben sich um den Haushalt gekümmert oder haben nur vormittags gearbeitet (Hier geht es nicht darum, ob arbeitende Eltern gut oder schlecht sind!). Wir hatten die Gelegenheit die Welt zu entdecken. Sicher waren nicht alle Eltern so vertrauensvoll wie meine Mutter – aber die anderen wussten dann halt nicht, was wir so alles anstellten ;). Wenn die Kinder Regeln haben, die sie einhalten und wenn sie wissen, was sie dürfen und was sie können, dann kann man ihnen auch mehr Freiheit zugestehen.

Ich glaube, diese Freiheit nicht immer unter Beobachtung zu stehen, selbstständig entscheiden zu können, was man tun möchte und mit wem, ist das, was u. a. eine glückliche Kindheit ausmacht. Die Welt entdecken, mit den Gefahren, mit den Abenteuern, die die Welt so bietet. Das kann man aber nicht, wenn man den ganzen Tag einen Beobachter im Nacken sitzen hat und wenn es nichts zum Entdecken gibt. Die Räumlichkeiten sind jeden Tag die gleichen und in der Krippe teilt man sich diese mit 11 anderen Kindern. Um Abenteuer erleben zu können, muss man hier schon sehr kreativ sein!

Schon die ganz kleinen Kinder sind neugierig, sie wollen die Welt entdecken und mit allen Sinnen erleben. Ich betreue als Tagesmutter Kinder unter 3 Jahren und die Kinder dürfen sich im Garten oder auch im Spielzimmer unbeobachtet fühlen. Ich lasse sie spielen, ich lasse sie ausprobieren und auch Fehler machen (natürlich bin ich immer in der Nähe und bekomme auch alles mit). Im Garten und in der Natur dürfen sie im Dreck spielen, Käfer beobachten und auf Entdeckungsreise gehen. Sie dürfen auch versuchen auf unsere Bäume zu klettern. Ich möchte ihnen so viel Freiraum wie möglich geben um eine glückliche, echte Kindheit zu erleben. Natürlich müssen die kleinen Kinder erst lernen sich selbst richtig einzuschätzen. Ich bin immer zur Stelle um Kinder zu unterstützen, sie aufzufangen und mit ihnen ihre Fähigkeiten zu erproben. Durch meine Beobachtungen und Erfahrungen als Erzieherin und Tagesmutter weiß ich, was ich den Kindern zutrauen kann und was ich ihnen erlauben kann und was nicht.

Viele der Kinder sind bis nachmittags bei mir. Die Eltern haben oft nur noch die Abende – also fühle ich mich mit verantwortlich die Kinder Abenteuer erleben zu lassen! Meiner Meinung nach geht das nur in einer echten, realen Umgebung: zu Hause oder eben bei einer Tagesmutter.

Die Kinder in diesem Alter brauchen (meist) keine gezielte Förderung, sie brauchen das echte Leben. Sie brauchen jemanden, der immer für sie da ist und auf den sie sich verlassen können. Sie wollen erleben, wie das Leben funktioniert.

Schon alleine aus diesem Aspekt sehe ich die Kindertagespflege als die ideale Betreuungsform für kleine Kinder an. Kinder ab 3 Jahren können auch genauso gut in den Kindergarten gehen und ich bin mir sicher, dass sie da viel Spaß haben werden, viele Freunde finden und super auf die Schule vorbereitet werden. Aber für alle Kinder gibt es noch etwas wichtigeres als die Betreuung in Krippe, Kindergarten und Hort – die Abenteuer die da draußen warten – in der Welt ohne Erzieher und Lehrer, ohne Krippe, Ganztagskindergarten und Hort.

Ihr seht schon, ich bin da auch etwas zwie gespalten. Kindergarten halte ich für wichtig. Die Kinder brauchen in dem Alter andere Kinder und auch die Vorbereitung auf die Schule und damit meine ich nicht das Ausschneiden von Blumen im Frühling sondern das Miteinander lernen und leben. Ich bin der Meinung, dass Kinder sich das Meiste von selbst aneignen und dass man ihnen eigentlich nur wenig gezielt beibringen muss. Wenn Kinder die Möglichkeit haben alles zu lernen und ihnen alles zur Verfügung steht, werden sie das auch nutzen. Da berufstätige Eltern ihre Kinder natürlich den ganzen Tag im Kindergarten betreuen lassen, finde ich auch völlig in Ordnung. Ein Betreuungswechsel ist in den meisten Fällen nicht sinnvoll.

Zum Thema Schule kann ich nur sagen, dass ich nie gerne hingegangen bin. Ich war froh, wenn ich um 12 Uhr frei hatte und meine Freunde und ich nach Hause laufen konnten. Dort habe ich erstmal gegessen und dann geschlafen oder mich zurückgezogen. Ich habe Ruhe gebraucht. Ich habe gelesen oder einfach nur alleine mit meinen Spielsachen gespielt und mich hat niemand gestört. Erst dann war ich bereit für Hausaufgaben.

Ich bin Tagesmutter geworden, damit meine Kinder die Möglichkeit haben nach der Schule nach Hause zu kommen, sie können sich zurück ziehen, schlafen, mit ihren Sachen spielen und das machen, was sie gerade wollen. Sie können draußen herumstrolchen und Freunde treffen – soweit diese denn zu Hause sind. Ich möchte auch gerne anderen Kindern diese Möglichkeit bieten. Nach der Schule in ein Zuhause zu kommen, wo jemand auf sie wartet und sich freut, wenn sie da sind. Wo es ein ein Mittagessen gibt, Rückzugsmöglichkeiten und etwas Freiheit zum Kind sein.

Natürlich gehört zu einer glücklichen Kindheit noch viel mehr als nur die Freiheit genießen zu dürfen.

Aber auch mal einfach nur Kind sein – diese Möglichkeit sollte jedes Kind haben dürfen.

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

2 Gedanken zu „Glückliche Kindheit

  1. Ich empfehle zu diesem Thema das Buch „Quatsch Matsch Buch“ von Andreas Weber. Er ist Biologe und Philosoph und hat sich viele Gedanken zu der Freiheit der Kinder gemacht. Das Buch vermittelt mal wieder eine neue Perspektive um über die Person des Kindes nachzudenken und die Kinder mal wieder mit anderen Augen zu sehen. Sehr philosophisch, aber nett geschrieben mit Kommentaren seiner eigenen Kinder und ist wirklich sehr interessant.

  2. Toller Beitrag und du sprichst mir aus der Seele. Auch ich hatte das Glück, auf dem Land im Wald meine Kindheit zu erleben und bin genau an den Ort zurückgekehrt, um hier Kindern unter 3 das Gleiche zu ermöglichen. Ich habe auch das Glück, den Kindern einen großen Garten anzubieten oder in den Wald zu gehen. Unser große Hund ist dabei und wir machen seine Hinterlassenschaften immer weg. Unsere Vorbildfunktion ist soooo wichtig und für mich pädagogisch im Vordergrund. Ich mache – die Kinder schauen zu, machen nach, machen mit uns saugen alles auf – ohne Aufforderung, ohne Hinweis, einfach so, weil sie wollen. Dabei bringeich aallerdings selber auch viele Fertigkeiten mit, ich baue, ich gärtner, ich male, ich koche, ich putze, filze, stricke, nähe… zu Hause erleben die Eltern der Alltag mit, denn da machen die Kinder alles nach, was sie bei mir gesehen / gelernt haben. Ich bin glücklich und habe glückliche Tageskinder.
    Was machen nun aber die TPP und Kinder, die in einer Großstadt Leben? Die Vorbildfunktion ist die gleiche uns Sinneserfahrungen kann man auch anderweitig anbieten. Und die Natur? Na z.B. anstatt typisches Spielzeug (aus Plastik und zu viel) nur Naturmaterialien anbieten. Das regt die Phantasie und Sinne an, dabei lernen die Kinder mehr, als mit Lego und Steckspielen und…
    Auch ich lasse die Kinder selber entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Ich helfe nicht, bin nur immer mental unterstützend und beobachtend in der Nähe. Die Kinder lernen sich selbst einzuschätzen und der Ehrgeiz ist groß, es allein zu schaffen. Nur wer hilft und verbietet und ständig ruft: „Pass auf!“ – der fordert die Gefahr und Unfälle heraus. In diesem Sinne, traut euch und den Kindern mehr zu und lasst sie mit allen Sinnen an allem teilhaben, dann bleiben sie neugierig, lernen gerne und von ganz allein, selbstbestimmt 🙂
    Ariane Schneider-Müllenstädt, Kindertagespflege im Elfenland

Kommentare sind geschlossen.