Rücklagen

Auch wenn es viele Tagesmütter und -väter nicht wahr haben wollen: wir sind selbständig und tragen damit das komplette unternehmerische Risiko. Denn das Jugendamt ist nicht unser Arbeitgeber und nicht unser Chef. Damit ist es für uns Kindertagespflegepersonen, genau wie für jeden anderen Selbständigen auch, von existenzieller Wichtigkeit für Einkommensausfälle vorzusorgen, indem wir Rücklagen bilden.


In den  „Fakten und Empfehlungen zu den Neuregelungen in der Kindertagespflege“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist folgender Satz zu finden:

„[…] Weitere sachgerechte Aspekte für die Abstufung sind beispielsweise besondere Betreuungszeiten und die wegen der formalen Selbständigkeit von Tagespflegepersonen notwendige Rücklagenbildung für Krankheits- und Urlaubszeiten sowie Betreuungsausfälle […]“

Um uns absichern zu können müssen wir also darauf achten, dass unsere Bezahlung nicht nur dazu reicht unseren Lebensunterhalt zu bestreiten und unsere Betriebsausgaben zu decken, sondern auch, dass wir immer etwas zur Seite legen um Einkommensausfälle abzudecken. In vielen Kommunen ist es üblich, dass das Jugendamt uns hierbei unterstützt, indem es uns bis zu 30 Tage/Jahr auch bezahlt wenn wir aufgrund von Urlaub oder Krankheit ausfallen. Aber wie viele Ausfalltage hat eine Tagesmutter oder ein Tagesvater tatsächlich und wie viel Geld müssen wir dafür zurücklegen? Im Folgenden werde ich versuchen eine realistische und nachvollziehbare Rechnung aufzustellen, was wir an Rücklagen benötigen um für alltägliche Ausfälle gerüstet zu sein.

Den Anfang machen die von der Tagespflegeperson selbst „verschuldeten“ Ausfallzeiten wie Urlaub und Krankheitstage. Mutterschutz und andere freiwillige oder ungewöhnliche Ausfallzeiten lasse ich mal außen vor.

  1. Urlaubstage:
    Hier gibt es zum einen den gesetzlichen Mindesturlaub für Angestellte von 24 Tagen/Jahr als Referenzwert. Weiterhin kann man sich an den 30 Urlaubstagen/Jahr orientieren, die sowohl für ErzieherInnen im öffentlichen Dienst gelten als auch den bundesweiten Durchschnittswert darstellen. Diesen Wert werde ich auch im Folgenden für meine Berechnungen ansetzen.
  2. Krankheitstage der Tagesmutter/-vater:
    Krankheiten lassen sich leider deutlich schlechter planen als Urlaub und wie jeder aus der Praxis weiß hängt die Anzahl der Krankheitstage von zahllosen Faktoren ab. Um in unsere Berechnung eine plausible Abschätzung einfließen zu lassen habe ich beim statistischen Bundesamt die Statistiken zu den durchschnittlichen Krankheitstagen in Deutschland herausgesucht. Danach hat sich 2013 jeder Bundesbürger durchschnittlich 9,5 Tage krank gemeldet. Wenn man die Quelle genauer ließt waren es faktisch sogar mehr, weil „[…] Bei der Berechnung werden nur Krankmeldungen erfasst, die eine Abwesenheitsdauer von drei Tagen überschreiten. […]“.
  3. Krankheitstage der Kinder der Tagespflegeperson:
    Ich sehe es als gerechtfertigt an anzunehmen, dass eine Tagesmutter/-vater auch eigene Kinder hat. Leider sind Kinder nicht weniger krank als Erwachsene und brauchen dann natürlich Pflege und dürfen, falls sie ansteckend sind, nicht in die Nähe der Tageskinder womit die Tagesmutter/-vater ausfällt. Zur Abschätzung der Zeiten habe ich mich wieder beim statistischen Bundesamt schlau gemacht: In Deutschland hat eine Frau im Alter von 15 bis 49 Jahren durchschnittlich 1,38 Kinder. In der gesetzlichen Krankenversicherung steht jedem hauptberuflich Versicherten eine Gehaltsfortzahlung von 10 Tage/Jahr für die Krankheiten jedes Kindes zu. Wenn ich diese beiden Zahlen miteinander multipliziere komme ich auf einen Durchschnitt von 13,8 Ausfalltagen/Jahr für die Krankheit der Kinder.
  4. Mutterschutz:
    Nachdem wir Tagesmütter in der gesetzlichen Krankenversicherung als nebenberuflich selbständig angesehen werden haben wir im Falle einer Schwangerschaft keinen Anspruch auf Mutterschaftsgeld. (Allerdings könnte sich das ab 2016 ändern, wenn wir als hauptberuflich Selbstständige eingestuft werden) Für eine schwangere Tagesmutter bedeutet das einen Verdienstausfall von 14 Wochen. Da eine Frau nach den oben genannten Zahlen aber nur 0,04 mal im Jahr schwanger ist, werde ich diesen „Sonderfall“ nicht weiter berücksichtigen.

Zusammengefasst sind das also 53,3 Tage/Jahr. Davon werden in vielen Kommunen ca. 30 Tage von den Jugendämtern abgedeckt. Bleiben also durchschnittlich noch 23,3 Tage/Jahr, die von uns selbst abgesichert werden müssen.

Ein Großteil der Ausgaben wie Betriebskosten, Versicherungen, Steuern, etc. fallen trotz Ausfalltagen an. Wenn ich krank bin, ist das Essen bereits gekauft, bzw. gekocht und die Heizung läuft auch weiter; schließlich ist die Krankheitsvertretung dann ja im Haus. Aus diesem Grund werde ich evtl. wegfallende Betriebskosten der Einfachheit halber nicht berücksichtigen.

In meiner Berechnung gehe ich von einer Tagespflegeperson aus, die 4 Kinder gleichzeitig je 40 Stunden/Woche betreut. Sie bekommt vom Jugendamt pro Kind ein Tagespflegeentgelt von 4,00 €/Stunde. Das ergibt im Monat 692,80 €/Kind und folglich bei 4 Kindern 2.771,20 €/Monat. Diese Tagesmutter hat also ein Jahresumsatz von 33.254,40 € für 259,8 Arbeitstage. Für die 23,3 Ausfalltage/Jahr die wir oben ermittelt haben ergeben sich dann erforderliche Rücklagen für Ausfalltage in Höhe von 2.982,40 €/Jahr bzw. 248,53 €/Monat.

Übrigens: Wie sich auch im Handbuch Kindertagespflege unter der Überschrift „Vertretungssystem bei Urlaub, Krankheit oder kurzfristigen Notfällen“ findet, ist für die Bereitstellung einer Vertretung das Jugendamt zuständig:

„Laut § 23 SGB VIII haben Eltern einen Anspruch auf Vertretung, welche das  Jugendamt zu gewährleisten hat.“

Die andere Form von Ausfällen sind die Zeiten in denen ein Kindertagespflegeplatz unbesetzt ist. Zu den Gründen kann zählen, dass die Familie des Kindes umzieht, das Kind kurzfristig in die Kinderkrippe oder den Kindergarten wechselt, oder dass ein Elternteil arbeitslos wird. Diese Fälle lassen sich noch schwieriger vorhersagen als Krankheiten und es gibt natürlich auch keine Statistiken zu diesem Thema.

Fällt der Tagesmutter aus der obigen Rechnung eines ihrer betreuten Kinder weg und findet sie nicht sofort Ersatz, fehlen ihr 692,80 €/Monat. Gut, in dieser Zeit müssten auch ihre Betriebsausgaben etwas sinken, weil z.B. die Lebensmittel für dieses Kind nicht mehr gekauft werden müssen. Laufende Kosten wie Miete und Heizung bleiben aber unverändert. Ich rechne mal einfachheitshalber mit fehlenden Einnahmen von 600 Euro pro Monat. Aus meiner persönlichen Beobachtung und einer nicht repräsentativen Umfrage auf Facebook schließe ich, dass man im Jahr durchschnittlich 3 Monate lang einen unbesetzten Platz hat, denn inzwischen hat sich herumgesprochen, dass man seinen Betreuungsplatz kurz nach der Zeugung suchen sollte. Damit sollte unsere beispielhafte Tagesmutter Rücklagen für unbesetzte Plätze in Höhe von 1.800 €/Jahr bzw. 150 €/Monat bilden.

Rechnen wir die 248,53 €/Monat für die eigenen Ausfalltage und die 150 €/Monat für unbesetzte Plätze zusammen kommen wir auf eine satte Summe von 398,53 €/Monat. Rechnet man diesen Wert runter kommt man zu dem Ergebnis, dass diese Tagesmutter für jedes Kind 0,58 €/Stunde mehr berechnen müsste um diese Rücklagen bilden zu können. Aber nur wenn sie dieses Geld tatsächlich bekommt und es zurücklegt, kann sie 23,3 Tage ausfallen und einen Platz für 3 Monate frei haben ohne in finanziell Schieflage zu geraten.

Jetzt werden natürlich viele fragen, ob man tatsächlich die volle Summe absichern muss oder ob es nicht reicht, wenn man einen Teil davon zurücklegt. Es kommt zwar selten vor, dass eine Tagespflegeperson so lange ausfällt, aber das liegt in vielen Fällen einfach daran, dass sie es sich einfach nicht leisten kann und trotz Krankheit arbeitet oder auf einen Teil ihres wohlverdienten Erholungsurlaub verzichtet. Aber können wir dann wirklich noch die Leistung liefern die wir für angemessen halten und die, die uns anvertrauten Kinder verdient haben?

Und bitte bedenkt auch, dass diese Zahlen natürlich nicht für jede Tagespflegeperson zutreffend sein kann, weil die Berechnung auf Durchschnittswerten beruht. Und Durchschnitte zeichnen sich nun mal dadurch aus, dass sie mal mehr und mal weniger zutreffen. Die eine Person ist vielleicht weniger krank, dafür hat sie vielleicht mehr unbesetzte Plätze. Dafür kann die andere sich vor Anfragen kaum retten hat dafür aber fünf eigene Kinder die naturgemäß regelmäßig krank sind…

Jenny

Jenny

Ich bin eine qualifizierte Tagesmutter und Erzieherin aus Bayern (Würzburg). Ich betreue die Kinder in unserem eigenem Haus in extra für die Tageskinder eingerichteten Räumlichkeiten. Ich engagiere mich derzeit für eine leistungsgerechte Bezahlung der Tagesmütter.

6 Gedanken zu „Rücklagen

  1. Das ist eine schöne Zusammenstellung und man kann sie gut nachvollziehen. Aber bei einem Stundenlohn von 2,78 € ist alles erheblich schwieriger und zusätzliches Geld für die Betreuung ist bei uns nicht erlaubt. Irgendwie müßten die da oben mal konkret festlegen welcher Mindestlohn für die formal selbstständigen Tagesmütter gilt.

    1. Die Sache ist ganz einfach die, dass niemand von selber auf euch zugeht und euch mehr Geld geben wird. Hier müssen wir als Tagespflegepersonen unsere Forderungen klar zum Ausdruck bringen. Das Schwierigste daran ist, dass man jede Forderung auch begründen können muss. In meiner Artikelserie versuche ich euch dabei zu unterstützen, indem ich euch Argumente liefere mit denen ihr dann das Gespräch mit dem Jugendamt aber auch mit Politikern suchen könnt. Die Gespräche müsst ihr dann aber selber führen 😉

  2. Nicht zu vergessen, die Rücklagen für das Finanzamt, Rentenkasse, Krankenversicherung.
    Da habe ich schon manche Horrorgeschichte gehört, wenn plötzlich ein Bescheid ins Haus flattert, dass man tausende Euros nachzahlen soll.

  3. Leider ist es bei uns verboten zusätzliches Geld für die Betreuung zu nehmen.Auch gibt es bei uns keine bezahlten Ausfallzeiten (Urlaub.Krankheit).Die Nebenkosten müssen jedoch jeden Monat bezahlt werden.Vom Mindestlohn sind wir auch noch meilenweit entfernt. Es heißt Tagespflege und Kiga sind gleichgestellt aber leuderhabe ich es noch nicht bemerkt.

  4. Wir haben in 2013 mal die Kostenstruktur pro Betreuungsstunde für Köln ermittelt:
    Hier die Daten:
    Beispiel einer Kostenstruktur Kindertagespflege, Betreuung in der eigenen Wohnung
    Betreuung von 3 Kindern, 32 Stunden die Woche

    Mietanteil 0,50
    Strommehrkosten 0,10
    Wassermehrkosten 0,10
    Müllabfuhrmehrkosten 0,10
    Einrichtungsverschleiß 0,05
    Renovierungsrückst. 0,05
    Verschleiß und Ersatz
    von Kinderbüchern
    und Spielzeugen 0,15
    Lfd. Neuanschaffungen 0,05
    Werbungskosten 0,05
    Weiterbildung 0,10
    Fachliteratur 0,05
    Haftpflichtversicherung 0,05
    Rückstellung Krankheit 0,10
    Rückstellung Urlaub 0,10
    Rückstellung für nicht
    belegte Plätze 0,40
    Verrechnung
    geleisteter Stunden 0,55 die über die Betreuungszeiten hinaus gehen
    _________________________
    Summe 2,50

    1. Beispiel einer Kostenstruktur Kindertagespflege, Betreuung in angemieteten Räumen
      Beispiel Betreuung von fünf Kindern 40 Std/Woche 1 Tagesmutter / -vater. Die Einzelpositionen
      erhöhen sich linear bei z.B. drei betreuten Kindern um ca 15 % !
      Raumkosten 1,20
      Stromkosten 0,17
      Wasserkosten 0,12
      Müllabfuhrkosten 0,18
      Einrichtungsverschleiß 0,05
      Renovierungsrückst. 0,05
      Raumversicherungen 0,10
      Verschleiß und Ersatz
      von Kinderbüchern
      und Spielzeugen 0,05
      Neuanschaffungen 0,05
      Werbungskosten 0,10
      Weiterbildung 0,10
      Fachliteratur 0,05
      Haftpflichtversicherung 0,05
      Rückstellung Urlaub
      und Krankheit 0,53
      Rückstellung für nicht
      belegte Plätze 0,45
      Verrechnung nicht
      bezahlter Stunden 0,45
      Aushilfe 0,30
      _________________________
      Summe 4,00

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